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Ruppert meint…Nr.19: „Mein Kampf"

Rubrik: Kolumne

Ruppert meint...Nr.19 „Mein Kampf"

 

Überall auf der Welt kennt man den Namen und das Bild von Adolf Hitler. Doch kaum jemand ist imstande, sich eine eigene, objektiv zutreffende Vorstellung von dieser Person zu machen. Das gilt vor allem für uns Deutsche, deren Sprachraum und Kulturkreis Hitler einmal angehörte. Mehr als auf irgendeine andere Gestalt der Weltgeschichte trifft auf ihn zu, womit Schiller den Feldherrn Wallenstein charakterisierte: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte".

Der Normalbürger ist angewiesen auf das, was er durch die Medien und etablierte Historiker erfährt, die sich wiederum innerhalb der vom Zeitgeist und sogar dem Gesetzgeber gezogenen Grenzen bewegen. So lautet das gängige Urteil über den einst umjubelten und gleich einem Gott verehrten Führer ím historisch deutschen Raum, der Österreich, Hitlers Heimat, mit einschließt, nahezu einhellig: Der größte Verbrecher aller Zeiten.

Es ist, als habe Hitler sich seit nunmehr 67 (!) Jahren immer noch nicht aus seiner Zeit verabschiedet, als sei er immer noch nicht Geschichte geworden wie andere Herrschergestalten, etwa Napoléon oder Hitlers Zeitgenosse und großer Gegenspieler Josef Stalin. Doch die Gegenwart braucht und instrumentalisiert das Dritte Reich und seinen Schöpfer Adolf Hitler. Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen, um die Gegenwart zu erklären.

Ein zufälliger Blick in die Zeitung (hier: Neues Deutschland) genügt schon, um zu erkennen, in welchem Maße Hitlers Geist direkt oder indirekt unser politisches und öffentliches Alltagsleben bis hinein in die Privatsphäre bestimmt und vergiftet. Die Sportlerin wurde von ihrer Umgebung fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel und musste um Gnade winseln, weil sie persönliche Kontakte zu einem Funktionär der auch bei Wahlen zugelassenen NPD unterhielt.

An Hitlers Drittem Reich messen sich unsere Außen- wie auch Innenpolitik. Forderungen an Deutschland werden nicht selten verstärkt durch die „Auschwitzkeule". Innenpolitisch ist es üblich geworden, unbequeme Personen und Querdenker einfach in die „rechte Ecke" abzudrücken. Und doch weigern sich Hitlers Urenkel, die drei Generationen später mit der „Gnade der späten Geburt" (Bundeskanzler Kohl) das Licht der Welt erblickt haben, hartnäckig, die von Michel Friedman formulierte und von unserer Bundeskanzlerin zur Staatsraison erklärte Erblast der „schweren historischen Verantwortung auf sich zu nehmen, generationenlang, für immer".

Nur noch wenige Zeitgenossen kennen unsere über tausendjährige deutsche Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen, wissen von ihr mehr als nur das ihnen immer aufs Neue vermittelte Zerrbild der Jahre von 1933 bis 1945, was einen Anteil von gerade einmal 1,2 Prozent ausmacht.

Im Verlauf der Weltgeschichte haben Religionen und ihnen artverwandte Ideologien ihren Niederschlag gefunden in Schriften, deren Ursprung häufig unsicher und umstritten ist. Einige von ihnen haben im Laufe von Jahrhunderten ganze Kulturen geprägt, wie etwa die Bibel oder der Koran. Seit Beginn der Neuzeit versuchten und versuchen immer wieder große Geister die Lösung gesellschaftlspolitischer Probleme ihrer Zeit, so die Aufklärer Rousseau, Voltaire, Kant, Karl Marx, Lenin - und nicht zuletzt: Adolf Hitler.

Im vergangenen 20. Jahrhundert standen sich im Abendland drei konkurrierende Thesen zur Überwindung der seit Anbeginn der Menschheit bestehenden Gegensätze zwischen Herrschern und Beherrschten, Armen und Reichen in kompromissloser Feindschaft gegenüber.

Das auf Jesus Christus zurückgehende, im Neuen Testament der Bibel enthaltene Gebot der Nächstenliebe hatte sich im Verlauf von 2000 Jahren über das ganze Abendland verbreitet. Als Belohnung sichert es den Menschen, die es befolgen, nach dem Tode das Ewige Leben zu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer...(Mk 12,29)", und „Wahrlich ich sage euch, was ihr bindet auf der Erde, wird im Himmel gebunden sein, und was ihr löset auf der Erde, wird im Himmel gelöst sein (Mt 18,18)". Die von unzähligen Kirchen und Sekten gepredigte christliche Lehre hat aber trotz ihrer hohen Ethik und ihres enormen Erfolges als Religion die sozialen Ungerechtigkeiten bis heute nicht beseitigen können.

In der richtigen Erkenntnis, dass die vor allem im 19. Jahrhundert aufgekommenen ganz neuen Massenprobleme sich auf freiwilliger Basis nicht lösen ließen, verfassten Karl Marx und Friedrich Engels das 1848 erschienene „Kommunistische Manifest", eine programmatische Schrift, die weniger friedliche Töne anschlägt und das Wohl der Menschheit in der gewaltsamen Beseitigung der bestehenden Klassen sieht: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Neben die sich bereits unvereinbar gegenüber stehenden Thesen des Christentums mit dem friedlichen Gebot der Nächstenliebe und des Kommunismus mit seinem Instrument des gnadenlosen Klassenkampfs setze Hitler eine neue Heilslehre - den auf dem Prinzip der „Volksgemeinschaft" fußenden „Nationalsozialismus".

Vergleicht man einmal die beiden Vokabeln und übersetzt aus dem Lateinischen, so erkennt man jeweils denselben gedanklichen Inhalt. „Volk" ist die Nation, und „Gemeinschaft" heißt im Lateinischen „societas". Es ist die Einheit von Menschen mit sozialer Bindung. Die „Volksgemeinschaft" ist in ihrem Ursprung keine eigene Erfindung Hitlers. Sie versteht sich als Gegenbild zu der von Konflikten und sozialen Gegensätzen geprägten „Gesellschaft", sie beruht auf einem ethnisch (Herkunft, Geschichte, Kultur) und gebietsmäßig begründeten Gefühl der Zusammengehörigkeit. Hitler ergänzte den Begriff der Volksgemeinschaft durch das in seinen Augen entscheidende Kriterium der Zugehörigkeit zu einer Rasse, in unserem Falle der „arischen" Abstammung.

Dieses auf ein einheitliches Ziel gerichtete Zusammengehörigkeitsgefühl löst nach der Lehre der Nationalsozialisten alle gesellschaftlichen Probleme, es überwindet auf Dauer die bestehenden Klassenunterschiede ohne gewaltsame Auseinandersetzung. Dies wiederum setzt voraus, dass jeder einzelne „Volksgenosse", gleich welcher Bevölkerungsschicht er angehört, sich opferbereit dafür einsetzt, dass es der ganzen Volksgemeinschaft und damit auch ihm selbst gut geht. Als oberstes Gebot gilt der Grundsatz: Gemeinwohl geht vor Eigennutz. Der auf der Einheit einer Nation und nicht einer Gesellschaftsklasse fußende Nationalsozialismus ist nach Hitlers eigenen Worten zwar „kein Exportartikel", diente aber in der dreißiger Jahren häufig als Vorbild.

Ein kleiner Exkurs: Gelegentlich eines Vortrags benutzte ich in Bezug auf Vorgänge im 3. Reich konsequent das Wort „Nationalsozialismus". Eine hundertprozentige Sozialistin sah in der Wortwahl einen Angriff auf ihre Überzeugung. Sie belehrte mich, das seien gar keine Sozialisten, sondern nur „Faschisten". Was stimmt?

Der dem Nationalsozialismus artverwandte Faschismus war eine ebenfalls rechtsgerichtete politische Bewegung unter Hitlers Vorbild Benito Mussolini. Dieser erlangte 1922 mit dem „Marsch auf Rom" die Macht in Italien. Äußeres Kennzeichen des „fascismo" bildete das von den römischen Vorfahren übernommene „fascis", bestehend aus zusammengebundenen Ruten mit einem Beil am oberen Ende. Es sollte die Macht eines Staates verkünden, dessen Stärke auf der Einigkeit seiner Bürger beruht. Hier zeigt sich die Kernverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, identisch sind die beiden Lehren nicht. So fehlte zum Beispiel beim Faschismus der für den Nationalsozialismus ausschlaggebende Rassegedanken. Schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts suchten sich die „echten" Sozialisten von den „nationalen" abzugrenzen, indem sie sie einfach als „Faschisten" bezeichneten. Hitler selbst, darauf angesprochen, sah kein Problem und meinte lakonisch; „Nun, dann bin ich eben auch ein Faschist."

Welche von diesen Erlösungslehren die richtige ist, kann dahinstehen. Jede von ihnen mag theoretisch überzeugen, eine jede hatte ihre Chance. In der Praxis haben Christentum und Kommunismus versagt, sie sind Opfer menschlicher Schwächen geworden. Die Volksgemeinschaft ist nach nur 12 Jahren ihres Bestehens mit dem nationalsozialistischen Deutschland am 8. Mai 1945 untergegangen. Endgültig, wie wir noch sehen werden. Doch während der Zeit ihres Bestehens hat sie sich schon dadurch bewährt, dass sie das deutsche Volk bis zum bitteren Ende bei der Stange hielt. Viele ihrer Einrichtungen wurden von dem Nachfolgestaat DDR mit anderen Bezeichnungen kopiert. Der globalisierte Mensch von heute kennt das Wort „Volksgemeinschaft", wenn überhaupt, dann nur noch oberflächlich mit der Lächerlichkeit von Anführungszeichen. Ihn kümmert in Umkehrung des Leitsatzes allein sein eigenes Wohlergehen. Jeder kritische oder konstruktive Gedanke geht unter im zeitgenössischen Geschwätz (talk). Überhaupt bringt der moderne Mensch kein Verständnis mehr auf für Ideologien gleich welcher Art, die seinen Vorfahren ihr Leben wert waren. Der Mensch von heute ist weder Christ, noch Kommunist, noch Nationalsozialist. Er ist Nihilist (lat. nihil = nichts).

Eine jede der drei genannten Weltanschauungen hat ihren Niederschlag gefunden in einer programmatischen Schrift. Für das Christentum ist es die Bibel, für den Kommunismus/Sozialismus ist es das bereits zitierte Kommunistische Manifest, und für den Nationalsozialismus ist es das von Hitler selbst verfasste Buch mit dem Titel „Mein Kampf".

Manche Staatsmänner, darunter auch solche, die diese Bezeichnung verdienen, wie etwa Napoléon und Adenauer, haben der Nachwelt ein von ihnen selbst in Schriftform gefasstes gedankliches Erbe hinterlassen. In der Gestalt von Memoiren richten sich solche Werke oft gegen frühere Kritik, enthalten Rechtfertigungen und/oder Selbstbeweihräucherung. Einige davon sind amüsant zu lesen, historisch aber wertlos und, nachdem sie auf dem Weihnachtstisch gelegen haben, bald vergessen. Eine die Regel bestätigende Ausnahme bilden Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen". Sie enthalten Fakten wie auch Erkenntnisse, die manchen Leerraum im Gehirn unserer politischen Prominenz ausfüllen könnten.

Hitlers „Mein Kampf" zählt nicht hierzu. Das Buch ist mit seinen nahezu 800 Seiten fast so lang wie die Bibel und etwa dreißig mal länger als das Kommunistische Manifest. Es gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Band „Eine Abrechnung" setzt sich der Autor kritisch wertend mit der jüngeren Vergangenheit bis hin zur Gegenwart auseinander. Er zieht persönlich wie auch politisch Bilanz und gelangt zu der zukunftweisenden Erkenntnis: „Ich aber beschloss, Politiker zu werden." Der zweite Band „Die nationalsozialistische Bewegung" enthält auf der Grundlage des ersten Bandes Gedanken über die beabsichtigte Ausgestaltung des Nationalsozialismus als staatstragende Kraft sowohl für die deutsche Innen- als auch die Außenpolitik.

So jedenfalls hatte Hitler es angedacht. Tatsächlich aber fehlt es weitgehend an einer geordneten Gedankenführung. Hitler handelt die einzelnen Themen zwar für den Leser verständlich ab, wiederholt sich aber an verschiedenen Stellen des Buchs bei Sachverhalten, die ihm besonders am Herzen liegen, und lässt sich immer wieder zu unsachlicher Polemik hinreißen. Dabei ist er in seiner Wortwahl nicht gerade zimperlich. Das zeigt sich besonders am Beispiel des nach Hitlers Überzeugung unheilvollen Einflusses von Judentum und Marxismus. Immer wieder begegnet der Leser bei solchen Ausbrüchen dem ausufernden Agitationsredner Adolf Hitler.

Was Hitler ganz zu Beginn über seine Herkunft und sich selbst schreibt, verhüllt mehr als es offenbart. Damals als jungem Menschen sprach er mir aus dem Herzen mit seiner radikalen Ablehnung der spießbürgerlichen Beamtenlaufbahn. Wer den jungen Hitler kennen lernen möchte, sollte statt aller Biografien, die ohnehin darauf zurückgreifen, das im Handel nur auf Bestellung oder aber online erhältlichen Buch „Adolf Hitler-mein Jugendfreund" - ISBN 978-3-7020-0971-7 - von August Kubizek lesen. Man kann es auch aus dem Internet herunter laden. Zu seiner Überraschung entdeckt der interessierte Leser nicht das erwartete Embryo eines Ungeheuers, sondern - einen Menschen.

Infolge der Unordnung beim inhaltlichen Aufbau bereitet der aufgeblähte Lesestoff Mühe, aus dem Wust von Themenpunkten die von Hitler propagierte Weltanschauung klar heraus zu kristallisieren. Der Leser muss sie sich regelrecht zusammenklauben. Dies unterscheidet „Mein Kampf" negativ vom „Kommunistischen Manifest". Andererseits bringt Hitler seine Leser gerade mit seinen Abschweifungen und der drastisch-originellen Wortwahl bei der Schilderung einiger Vorgänge ungewollt zum Schmunzeln, zum Beispiel durch die anschauliche Darstellung und eingehende Analyse von Versammlungsschlachten. Wer das Buch mit einiger Geduld bis zum Schluss aufmerksam gelesen hat, weiß dann auch schließlich, worum es eigentlich geht.

Das Reichsgericht hatte Hitler die nötige Muße zum Schreiben verschafft, als es ihn im Jahre 1924 nach einem gescheiterten Putschversuch wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft verurteilte. Es war dies eine nicht entehrende Strafe ohne Arbeitszwang bei Belassung vieler persönlicher Freiheiten. Bereits am Ende desselben Jahres wurde Hitler der noch nicht verbüßte Strafrest erlassen. 1925 erschien der erste, 1926 der zweite Teil von „Mein Kampf".

Das Buch erwies sich sofort nach seinem Erscheinen als Bestseller und machte Hitler so wohlhabend, dass er zeitweise auf sein ihm zustehendes Gehalt als Reichskanzler publikumswirksam verzichten konnte. Bis zum Jahre 1943 waren in Deutschland fast 10 Millionen Exemplare verkauft. Die Volksausgabe kostete 7,20 Reichsmark, eine Geschenkausgabe in Halbleder 24.- RM und die Jubiläumsausgabe in Ganzleder mit Goldschnitt 32.-RM. „Mein Kampf" wurde in 16 Sprachen übersetzt. Die Verkaufszahlen täuschen allerdings darüber hinweg, dass Hitlers Werk in Deutschland nach der Machtübernahme kaum gelesen wurde. Eheschließende erhielten es „mit den besten Wünschen für eine glückliche und gesegnete Ehe" auf dem Standesamt. Dann stand es dekorativ im Regal bis zur Entsorgung 1945. Danach erschienen im Ausland noch mehrere Nachdrucke.

Zur Zeit ist „Mein Kampf" im Buchhandel - noch - nicht erhältlich. Jedoch geht - frei nach dem Kommunistischen Manifest - „ein Gespenst in Deutschland um - das Gespenst des Nationalsozialismus. Alle Mächte des heutigen Deutschland haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Verfassungsschutz und die Regierung, Angela Merkel und Kristina Schröder, deutsche Antifaschisten und Polizisten". Mit anderen Worten: In knapp drei Jahren, am 31.12.2015, endet für Hitlers „Mein Kampf" die 70-jährige Schutzfrist des Urheberrechtsgesetzes, durch das der Freistaat Bayern als Erbe des gesamten hitlerschen Vermögens bisher jeden Nachdruck mehr oder weniger erfolgreich verhindern konnte. Der Vertrieb alter Exemplare, zum Beispiel im Antiquariat, war im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht nie strafbar. Auch jetzt schon kann sich der Interessent den kompletten Text mühelos aus dem Internet herunter laden.

Warum also die Empörung zum Beispiel unserer Familienministerin Kristina Schröder, die in ihrer gelegentlich eigenartigen Logik meint, „um die Menschenverachtung der NS-Taten zu begreifen, brauche man angesichts zahlloser eindrucksvoller Orte des Grauens überall in Deutschland ganz bestimmt nicht Auszüge aus „Mein Kampf" in den Zeitschriftenständen". Warum, um eine weiters Beispiel von Borniertheit aufzuzeigen, die späten Fußtritte einer profilsüchtigen Irene Helmes auf den toten Löwen, dessen Schöpfung sie ein „blödes Buch", „Hetzschrift", „Machwerk", „unsägliches Pamphlet", „grottenlangweilige Lektüre" nennt? Die erst angelaufene Debatte wird noch einige Hektoliter Druckerschwärze verbrauchen und viele Talkrunden beleben. Sie wird unter Wahrung der gewohnten Tabus von Personen, die sich dazu berufen fühlen, ebenso unsachlich und primitiv verlaufen, wie die beiden vorstehenden Beispiele ahnen lassen.

Ist dieses blöde Buch denn wirklich so gefährlich für den mündigen Demokraten, dass man es ihm nach Möglichkeit gar nicht zeigen soll, und wenn schon, wie einige mit erhobenem Zeigefinger meinen, dann nur abschnittsweise mit einer zeitgemäßen Erläuterung? Um diese Frage zu beantworten, muss man das unsägliche Pamphlet natürlich erst einmal kennen. Der böse Verdacht, ja die Gewissheit drängt sich auf, dass es sich bei den engagierten Jüngerinnen und Jüngern des Zeitgeistes um dieselben handelt, die, wie vor Kurzem unsere Bundeskanzlerin, auch die Thesen von Thilo Sarrazin als „völlig inakzeptabel" abqualifizieren und ihn in die rechte Schmuddelecke abdrücken wollen, ohne sein Buch überhaupt gelesen zu haben.

Schon die Fairness gebietet, einen Menschen und sein Wirken nicht allein mit den Maßstäben unserer Zeit zu messen. Fest steht, dass vieles von dem, was nicht nur Hitler damals bewegte, durch die weitere Entwicklung überholt, zum Teil auch widerlegt worden ist.

Was der Deutsch-Österreicher Hitler über sein Elternhaus, über die Habsburger-Monarchie, über den Zustand und die Entwicklung der Stadt Wien, über die politischen Verhältnisse vor und nach dem Ersten Weltkrieg, über die deutsche Kolonial- und Flottenpolitik, über die Organisation und die Ziele seiner Partei usw. schreibt, mag dem geschichtsunkundigen oder desinteressierten Zeitgenossen in der Tat grottenlangweilig erscheinen. Die oft weitschweifigen Ausführungen des abgebrochenen Realschülers Hitler offenbaren jedoch eine erstaunliche Beobachtungsgabe und die Fähigkeit zu einer tiefgründigen Analyse der damals bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Manche seiner Beurteilungen hat die spätere Entwicklung bestätigt, so zum Beispiel das Auseinanderbrechen von Vielvölkerstatten.

Häufig völlig unverständlich, den Leser verwundernd und abstoßend, bleiben die sich gebetsmühlenartig wiederholenden Beschuldigungen des Judentums als Wurzel aller erdenklichen Übel. Hätte Hitler über das Wetter geschrieben, so wären womöglich die Juden auch für Katastrophen und Missernten verantwortlich gemacht worden. Dass er sie nicht in die ihm vorschwebende sowohl kulturell wie auch rassisch rein deutsche Volksgemeinschaft aufnehmen wollte, ist zumindest teilweise logisch nachvollziehbar. Hitler identifizierte die Juden jedoch mit allen Dingen, die ihm ein Gräuel waren, zum Beispiel mit dem Marxismus, der Sozialdemokratie, den Gewerkschaften, der parlamentarischen Demokratie, der Prostitution, dem Mädchenhandel usw. Das Kapitel „Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit" gipfelt in dem an einen Messias oder an die mittelalterliche Inquisition erinnernden, gesperrt gedruckten Satz: „S o g l a u b e i c h h e u t e i m S i n n e d e s a l l m ä c h t i g e n S c h ö p f e r s z u h a n d e l n : I n d e m i c h m i c h d e s J u d e n e r w e h r e , k ä m p f e i c h f ü r d a s W e r k d e s H e r r n " .

Die Vehemenz, mit der Hitler den im deutschen Raum ansässigen Juden ihr Daseinsrecht verweigerte, musste schon damals einem Jeden auffallen, der sein Buch tatsächlich las. Hitlers Ausführungen lassen zwar nicht die Absicht der physischen Ausrottung erkennen, deuten jedoch unmissverständlich auf eine gnadenlose Vertreibung hin. Aus eigener Kenntnis weiß ich, dass damals viele Volksgenossen, aber auch viele Juden, sich selbst beruhigten mit der Überlegung, nichts werde so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Schon kurz nach der Machtübernahme musste eigentlich jedem Deutschen klar sein, dass die Nationalsozialisten es mit der Durchsetzung ihrer angekündigten Volksgemeinschaft bitter ernst meinten, im Guten wie im Schlechten.

Und wieder die Frage, was ist denn heute gefährlich an Hitlers „Machwerk"? Sicher nicht der den Nationalsozialismus beherrschende Gedanke einer Volksgemeinschaft, der im Zeitalter der Globalisierung und vor dem Hintergrund von 15 Millionen Einwohnern mit Migrationshintergrund absurd erscheint. Absurd ist es aber auch, in Rufen nach mehr staatlicher Ordnung, Erhalt der Familie, Ablehnung bestimmter Lebensformen, vor allem aber im Verlangen nach einer Begrenzung fremder Zuwanderer eine neue Form von Neonazismus zu sehen.

Das Dritte Reich kannte schon deshalb keine allgemeine Ausländerfeindlichkeit, weil es die gegenwärtige Furcht vor Überfremdung damals gar nicht gab. Fehl geht aber auch der immer wieder angestellte Vergleich der Juden im Dritten Reich mit den zugewanderten Ausländern in der Bundesrepublik. Die im Jahre 1933 knapp 600.000 Köpfe zählende jüdische Minderheit lebte seit Generationen in Deutschland. Der jüdische Bevölkerungsteil war nicht nur integriert, sondern zeichnete sich überproportional durch Leistungen auf den Gebieten von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft aus. Der Arzt, der Hitlers Mutter behandelte, war Jude. Eine solche zahlenmäßig verschwindende Minderheit hatte Deutschland seit jeher verkraftet, ohne dass dadurch seine völkische Identität jemals in Frage gestellt worden wäre. Vorbehalte und Widerstände gegen eine Überfremdung finden sich auf der ganzen Welt, es hat sie immer gegeben. Was Sarrazin hierzu schreibt, ist lediglich eine Analyse der gegenwärtigen Situation in Deutschland. Der Nationalsozialismus gehört, so wie alle früheren faschistischen Bewegungen in vielen Ländern der Welt, als Kind seiner Zeit der Vergangenheit an. Wer ihn heute immer wieder aufleben lässt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er ihn entweder nicht kennt oder als Schreckgespenst für andere Zwecke einsetzt.

Hitlers Einstellung zum Judentum, die in dem Buch einen erheblichen Raum einnimmt, ist durch den Lauf der Geschichte wohl am deutlichsten widerlegt worden. Die Angehörigen des Volkes, in dem er nur unheilbringende Schmarotzer ohne eigene schöpferische Fähigkeiten sah, leben heute in einem mächtigen Staat mit einem Selbstverständnis, um das Hitler sie schon immer beneidete, wenn er schreibt: „Die Impotenz der Völker, ihr eigener Alterstod, liegt aber begründet in der Aufgabe ihrer Blutsreinheit. Und diese wahrt der Jude besser als irgendein anderes Volk der Erde".

Und doch. Drei Themen behandelt „Mein Kampf", die unsere die öffentliche Meinung bestimmenden Zeitgenossen in Verlegenheit bringen könnten:

Da sind einmal die Ausführungen zur Situation des deutschen Arbeiters als Spielball zwischen den Extremen des ausbeuterischen Kapitalismus und des manipulierenden Sozialismus. Was Hitler als Ziel dieser seiner Überlegungen ankündigte, sind keine leeren Worte geblieben. Niemand kann bestreiten, dass der deutsche Arbeiter im Dritten Reich nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz, sondern darüber hinaus ein bis dahin noch nie erreichtes gesellschaftliches Ansehen genossen hat.

Als eifrigem Zeitungsleser ist Hitler der Einfluss der Presse auf die Bildung der öffentlichen Meinung nicht entgangen. „Der weitaus gewaltigste Anteil an der politischen „Erziehung", die man in diesem Falle mit dem Wort Propaganda sehr treffend bezeichnet, fällt auf das Konto der Presse. Sie besorgt in erster Linie diese „Aufklärungsarbeit" und stellt dabei eine Art von Schule für die Erwachsenen dar. ... In wenigen Tagen war da aus einer lächerlichen Sache eine bedeutende Staatsaktion gemacht, während umgekehrt zu gleicher Zeit lebenswichtige Probleme dem allgemeinen Vergessen anheimfielen, besser aber einfach aus dem Gedächtnis und der Erinnerung der Masse gestohlen wurden. ... So gelang es, im Verlaufe weniger Wochen Namen aus dem Nichts hervorzuzaubern, unglaubliche Hoffnungen der breiten Öffentlichkeit an sie zu knüpfen, ja ihnen Popularität zu verschaffen, die dem wirklich bedeutenden Manne oft in seinem ganzen Leben nicht zuteil zu werden vermag... Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte „öffentliche Meinung", deren Schaum dann die parlamentarische Aphrodite (griechische Göttin der Liebe und Schönheit) entsteigt. ..."

Was Hitler schließlich zur parlamentarischen Demokratie schreibt, könnte, wenn man den Autor verschwiege, auch die Meinung mancher politikverdrossener Bundesbürger sein. „Es gibt gar kein Prinzip, das, objektiv betrachtet, so unrichtig ist wie das parlamentarische. Man darf dabei noch ganz absehen von der Art, in der die Wahl der Herren Volksvertreter stattfindet, wie sie überhaupt zu ihrem Amte und zu ihrer neuen Würde gelangen. ... Das Bemerkenswerte liegt darin, dass eine Zahl von sagen wir fünfhundert Männern oder in letzter Zeit auch Frauen gewählt wird, denen nun in allem und jedem die endgültige Entscheidung zu treffen obliegt. ... Die innere Zusammensetzung der fünfhundert gewählten Volksvertreter nach Beruf oder gar nach den Fähigkeiten der einzelnen ergibt ein ebenso zerrissenes wie meist auch noch kümmerliches Bild. Denn man wird doch nicht glauben, dass diese Auserwählten der Nation auch ebenso Auserwählte des Geistes oder nur des Verstandes sind! ... Immer wird durch eine Mehrheit von Nichtwissern und Nichtskönnern der Ausschlag gegeben werden. ... Freilich wird man den Einwand bringen, dass allerdings der einzelne Abgeordnete in dieser oder jener Sache kein besonderes Verständnis besitze, aber seine Stellungnahme ja von der Fraktion als Leiterin der Politik des betreffenden Herrn doch beraten werde; diese habe ihre besonderen Ausschüsse , die von Sachverständigen mehr als genügend beleuchtet würden. ... Aber die Frage wäre doch dann die: Warum wählt man fünfhundert, wenn doch nur einige die nötige Weisheit zur Stellungnahme in den wichtigen Belangen besitzen? ... Damit aber fällt jede praktische Verantwortung weg, denn diese kann nur in der Verpflichtung einer einzelnen Person liegen und nicht in der einer parlamentarischen Schwätzervereinigung."

Im Anschluss an die Abqualifizierung der Abgeordneten als bloßes Stimmvieh erläutert Hitler seine eigene Vorstellung von einer personenbezogenen „germanischen" Demokratie: „Dem steht gegenüber die wahrhaftige germanische Demokratie der freien Wahl des Führers mit dessen Verpflichtung zur vollen Übernahme aller Verantwortung für sein Tun und Lassen. In ihr gibt es keine Abstimmung einer Majorität zu einzelnen Fragen, sondern nur die Bestimmung eines einzigen, der dann mit Vermögen und Leben für seine Entscheidung einzutreten hat".

Der Brite Winston Churchill hasste und verachtete die Deutschen, aber Hitler hasste er ganz besonders: „Dieser Mann ist der Ursprung allen Übels." Bekannt ist sein Ausspruch zur Demokratie: „Democracy is the worst form of government except for all those others that have been tried". „Demokratie ist die schlechteste Regierungsform mit Ausnahme von allen anderen, die ausprobiert wurden". Meinte er damit auch einen vom Volk, also demokratisch, gewählten Diktator?

Sehen wir dem Schicksalsjahr 2015 mit Gelassenheit entgegen. Bis dahin sind die nächsten Wahlen bereits überstanden. Nach allem, was sich zur Zeit abzeichnet, haben die dann glücklich Gewählten gegen ganz andere Probleme anzukämpfen als gegen Hitlers „Mein Kampf".

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