Nachrichten

Terror

Ruppert meint...Nr. 10

Datum: 01.09.2011
Rubrik: Kolumne

Ruppert meint...Nr. 10 Terror


Die Zerstörung des World-Trade-Centers in New York am 11. September 2001 war der bisher größte und spektakulärste Terroranschlag der Gegenwart. Daneben verblasst eine Reihe weiterer Anschläge vorwiegend gegen amerikanische Einrichtungen, aber auch gegen die ihrer „Verbündeten". So die Zuganschläge in Spanien 2004, die Bombenanschläge in Londoner U-Bahnen 2005.


Als vorläufig letzte Terrorakte erschütterten eine verheerende Explosion sowie ein Massaker in Norwegen die Menschen auf der ganzen Welt. Diese beiden Taten erwiesen sich allerdings als das Werk eines ideologisch  verquerten Einzelgängers, eines Täters, mit denen unsere Gesellschaft seit jeher rechnen musste und muss. Mit derartigen in unregelmäßigen Abständen sich wiederholenden Explosionen einer abartigen Psyche wird sich der heutige Beitrag nicht befassen. Solche Anschläge unterscheiden sich grundsätzlich von Terrorakten, die ein konkretes politisches Ziel verfolgen und auf einem strategischen Kalkül beruhen.


„Terror" bedeutet in seiner deutschen Übersetzung Schrecken". Im modernen Sprachgebrauch verstehen wir darunter gewaltsame Maßnahmen gegen eine politische Ordnung, um einen Wandel zu erzwingen. Sprengstoffanschläge, Entführungen, Morde, Attentate sind nur einige von vielen Erscheinungsformen. Der unmittelbar angewandte Terror dient als Druckmittel, er soll Unsicherheit und Schrecken verbreiten; indirekt soll er Unterstützungsbereitschaft erzeugen oder aber die Unterstützung des Gegners verhindern. Terror kann nicht nur von den Gegnern einer staatlichen Ordnung, sondern auch vom Staat selbst gegenüber seinen Untertanen ausgeübt werden, um sie zum Gehorsam zu zwingen.


Auf der politischen Bühne erschien das Wort „Terror" erstmals offiziell in seiner französischen Version als „La Terreur". Es steht für die blutigste Periode der französischen Revolution von 1793 bis 1794, als nach dem Sturz der Monarchie die Regierung alle als konterrevolutionär eingestuften Personen einsperren oder mit der neu eingeführten Guillotine hinrichten ließ. „La Terreur" galt damals als notwendiges und legitimes Mittel zur Durchsetzung und Festigung der revolutionären Ziele.


Ein geradezu klassisches Erscheinungsbild nahezu aller Spielarten des taktischen Terrorismus bot sich während des Russlandfeldzugs im Zweiten Weltkrieg. Hinter den vorrückenden deutschen Truppen bildeten sich hervorragend organisierte Partisanengruppen, die der deutschen Armee größtmöglichen Schaden zuzufügen, die Angst, Unsicherheit und Verwirrung stiften und dadurch militärische Kräfte binden sollten. Ihre Anschläge zielten auf notorische Schwachstellen wie rückwärtige Verbindungen und den Nachschub. Dazu war den im offiziellen Sprachgebrauch als „Terroristen" bezeichneten Partisanen jedes Mittel recht: Sprengung von Brücken und Eisenbahnlinien, Überfälle auf kleinere Militäreinheiten oder Lazarette, grässliche Verstümmelungen der in ihre Hand geratenen Menschen. Hinzu kam die Einschüchterung der ortsansässigen Bevölkerung zum Beispiel durch Brandstiftung und skrupellose Exekutionen von Landsleuten, die den Deutschen in irgendeiner Weise geholfen hatten, auch wenn sie dazu gezwungen worden waren, begleitet von entsprechenden Grausamkeiten gegen die Angehörigen solcher „Kollaborateure" usw. usw. In anderen Ländern unter deutscher Besatzung, in Polen, auf dem Balkan, in Griechenland, in Frankreich und zuletzt auch in Italien sah es ähnlich aus.


Natürlich mussten sich unsere Truppen dagegen wehren und nach einigem Zögern schließlich zu ähnlichen Maßnahmen greifen, die auch unschuldige Zivilisten nicht schonten. Eine damals vom internationalen Kriegsrecht  anerkannte Repressalie war nicht nur die Hinrichtung von ergriffenen „Freischärlern", sondern in einem „angemessenen Verhältnis" auch von Geiseln.


Dieses sollte als Warnung dem Schutz des Militärs dienen, durfte aber keinen Rachecharakter enthalten. Doch wo liegt da die Grenze? Kurz gesagt galt die Regel: Terror kann nur durch Terror bekämpft werden.

 

 

 

 

 

 

 

Den „Terroristen", die im Zweiten Weltkrieg illegal gegen die deutsche Besatzung gekämpft hatten, kamen nach der Niederlage Deutschlands hohe Ehren zuteil, sie gelten in ihrer Heimat als nationale Helden. Das Verhalten der Deutschen hingegen wurde und wird von den Siegern und sogar von vielen Deutschen nach anderen Maßstäben gemessen.


Der anglo-amerikanische  „Luftterror" gegen zivile Ziele in Deutschland sollte den Widerstandswillen der Bevölkerung untergraben. Er bewirkte allerdings eher das Gegenteil.


Stalin übte Zeit seines Lebens ohne Rücksicht auf Menschenleben blutigen Terror aus, im Zarenreich als Angehöriger des bolschewistischen Untergrunds, später als Diktator durch millionenfachen Massenmord.


„Terroristen" waren Fidel Castro und seine Guerilleros, bis es ihnen 1959 gelang, das von den USA gestützte Batista-Regime zu stürzen und selbst an die Macht zu gelangen.


Heute gelten als Terroristen verschiedene organisierte Gruppen von Palästinensern, die ihre Aktionen gegen Israel richten.


Durch besonders brutalen Terror auf beiden Seiten zeichnete sich der Algerien-Krieg von 1954 - 1962 aus, der schließlich zur Unabhängigkeit Algeriens vom französischen Mutterland führte. Bis heute stoßen wir hier auf eine Tabu-Zone in der französischen Geschichtsschreibung.


Fast vergessen ist der Jahrzehnte währende blutige Terror der baskischen Untergrundorganisation „Eta" gegen den spanischen Staat und seine Vertreter. Das französische Korsika findet keine Ruhe vor den Sprengstoffanschlägen und Mordanschlägen korsischer Separatisten. Trotz seiner offiziell verkündigen Beendigung lebt der Jahrhunderte lange Nordirland-Konflikt immer wieder auf. Noch im April dieses Jahres explodierte eine Bombe unter einem Auto und tötete einen Polizisten.

Russland erlebt in unregelmäßigen Abständen verheerende Sprengstoffattentate, deren Urheber in den östlichen, großenteils islamisch geprägten Teilen des Landes zu suchen sind.


Selbst die in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesrepublik tätige „Rote Armee Fraktion (RAF)", eine linksradikale bewaffnete Gruppierung, hätte im Erfolgsfalle trotz ihrer Banküberfälle, Sprengstoffattentate und vielfältigen Morde das Stigma einer „terroristischen Vereinigung" verloren und wäre als fortschrittlich-sozialrevolutionär in die Geschichte eingegangen.


Die genannten Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Aus den historisch abgeschlossenen Fällen von Terrorismus können wir erkennen, dass bei aller Verwissenschaftlichung des Begriffes der abwertende Status des „Terroristen" im Einzelfall ganz wesentlich abhängt von der Wortwahl der dem Terror ausgesetzten Institution und letztendlich vom Erfolg oder Misserfolg des Terrors.


Auch für unsere Gegenwart gilt, mehr als je zuvor: Der Terror lebt. Mit dem „Terrornetz der al-Qaida". hat er sogar globalen (weltumfassenden) Charakter angenommen. In der wörtlichen Übersetzung bedeutet al-Qaida „das Fundament" oder „die Basis". Wegen der zahlreichen, teilweise tendenziösen und voneinander abweichenden Beschreibungen fällt es schwer, dem Leser eine konkrete Vorstellung der al-Qaida zu vermitteln. Nach offizieller Version handelt es sich um eine locker und weitläufig gegliederte Organisation, die im Jahre 1988 von dem inzwischen legendären Osama bin Laden gegründet wurde.


Usama ibn Muhammad ibn Awad ibn Ladin, geboren 1957 oder 1958, umgebracht 2011, allgemein als Osama bin Laden bekannt, stammte aus einer steinreichen saudischen Bauunternehmerfamilie. Bevor er als „Berufsterrorist" in den Untergrund abtauchte, studierte er an einer technischen Universität. Er soll ein Examen als Bauingenieur oder für den öffentlichen Verwaltungsdienst gehabt haben.


Erklärtes Ziel der von bin Laden gegründeten al-Qaida ist die Errichtung eines alle islamischen Länder und Gebiete sowie weitere Territorien umspannenden Gottesstaates für alle Rechtgläubigen, natürlich unter Ausschluss von fremder Einmischung und Einbeziehung des noch zu befreienden Gebiet des Staates Israel.


Solche meist ideologisch oder ethnisch ausgerichtete Vereinigungs-Bewegungen sind in der neueren Geschichte nicht eigentlich neu. Erinnert sei beispielsweise an den „Panslawismus" (= allslawische Bewegung) des 19. Jahrhunderts. Sein Ziel war die kulturelle, religiöse und politische Einheit aller slawischen Völker Europas. Eine Art romantischer Nationalismus.


Ähnliche Vorstellungen verfolgte Adolf Hitler mit der Schaffung eines „Großdeutschen Reichs", in dem alle Menschen eine Heimat finden sollten, die sich zum Deutschtum bekannten. Die Einverleibung Österreichs bildete nur den Anfang auf diesem Wege.


Mit der Einschränkung, dass ein jeder Vergleich hinkt, dürfte wohl auch eine Gegenüberstellung der Weltanschauungen von Islamismus und Weltkommunismus dem Wesen der al-Qaida nahe kommen. Dabei spielt keine entscheidende Rolle, dass die eine Idee religiös, die andere rein weltlich ausgeprägt ist.


Geistige Schöpfer der beiden Ideologien sind auf der einen Seite der Prophet Mohammed, auf der anderen der Sozialwissenschaftler Karl Marx. Die Schaffung praktikabler Strukturen, mittels derer die geistigen Substanzen in den politischen Alltag umgesetzt werden sollten, erfolgte beim Kommunismus durch Wladimir Iljitsch Lenin, beim Islamismus eben durch Osama bin Laden.


Ein grundsätzlicher Unterschied besteht darin, dass die Heilslehre des Kommunismus die ganze Menschheit, die des Islamismus in der Vorstellung bin Ladens jedoch nur alle islamisch geprägten Länder erfassen sollte. Damit ist auch festgelegt, in welchem Umfange die beiden Ideologien in ihrer praktischen Ausrichtung eine Bedrohung für den Rest der Menschheit enthalten.


Gemeinsam ist den beiden Ideologien ihr Erscheinungsbild im politischen Geschehen. Kommunismus wie Islamismus enthalten jeweils eine fundamentale Grundidee (al Qaida = das Fundament !), doch wird dieses in verschiedenen Ländern verschiedenen umgesetzt. Auch den Kommunismus gab und gibt es in unterschiedlicher Ausprägung, so als Leninismus, Stalinismus, Maoismus, Titoismus, Fidelismus, um nur die bekanntesten Richtungen zu erwähnen.


Am ehesten vergleichbar mit dem von der al-Qaida propagierten Islamismus ist die im 19. Jahrhundert von dem österreichisch-jüdischen Schriftsteller und Publizisten Theodor Herzl begründete Bewegung des modernen politischen Zionismus. Der Zionismus (von „Zion", ursprünglich ein heiliger Berg bei Jerusalem) enthält begrifflich sowohl eine politische Idee als auch eine damit verbundene Bewegung, welche die Errichtung, Rechtfertigung und den Erhalt eines rein jüdisch geprägten Nationalstaats im damaligen Palästina zum Ziel hatte. Es ist das historische Gebiet, aus dem das Volk der Juden im Jahre 70   n. Chr. von den Römern vertrieben und über die ganze Welt verstreut worden war. Wie der Islamismus, so findet auch der Zionismus seine historischen Wurzeln in der religiösen Tradition. Die zionistische Bewegung trug maßgeblich zur Staatsgründung Israels im Jahre 1948 bei.


Bis dahin hatten die Verfechter des Zionismus einen langen Weg zurückgelegt. Sie mussten ihr Anliegen bis zuletzt gegen die britische Mandatsmacht durchsetzen, die es sich trotz voraufgegangener Versprechen nicht mit der ortsansässigen arabischen Bevölkerung verderben wollte. Das lief nicht ohne Gewalt und Terror ab. Von den Engländern als „Terroristen" bezeichnet wurden die Angehörigen von jüdischen Geheimorganisationen, deren spektakulärster Akt 1946 der Bombenanschlag auf den Sitz der britischen Mandatsregierung im King-David Hotel in Jerusalem mit über 100 geschätzten Toten war. Nach der Gründung des Staates Israel erlangten die Attentäter den Status von Pionieren und hohe Ämter beim Aufbau der neuen Macht, die seither den ganzen Vorderen Orient dominiert..


Im Laufe der Geschichte hatte es auch schon verschiedene Anläufe zur Vereinigung aller arabischen Stämme und Staaten gegeben, den „Panarabismus". Sie sind erfolglos geblieben, einmal, weil die Araber untereinander zerstritten sind, aber auch, weil die europäischen Mächte ihre Zusagen nicht eingehalten haben. Im Unterschied zur Einheit aller Araber betont al-Qaida die Einheit des islamischen Kulturerbes, reicht also über national-arabische oder sonstige ethnische Kriterien hinaus und legt schon dadurch den Vergleich mit der Idee des Kommunismus nahe.


Nach dem in Amerika mit orgiastischen Freudentänzen gefeierten und auch von unserer Bundeskanzlerin („Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten...") lautstark bejubelten Tod bin Ladens im Mai dieses Jahres wird die al- Qaida von dessen langjährigem Gesinnungs- und Weggenossen, dem Ägypter Zawahiri, geführt. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt. Die USA haben auf seinen Kopf 25 Millionen Dollar gesetzt, was die Bedeutung des Mannes widerspiegelt.


Schon seit ihrer Gründung betreibt die al Qaida zur Verwirklichung ihrer Ziele in erster Linie den Sturz der Regierungen in allen arabischen Ländern, die nach ihrer Auffassung mit westlichen Staaten, vor allem den USA und Israel, Verrat an der arabisch-islamischen Sache begehen, sei es, dass ihre Führung gekauft (Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate), sei es, dass sie unterworfen und hörig (Irak) ist. 1996/1997 kamen bin Laden und Zawahiri zu der Erkenntnis, dass unter den gegebenen Umständen Angriff nicht nur die beste, sondern die einzig wirksame Verteidigung sei.


In einer Art Vorwärtsstrategie beschlossen sie, den gemeinsamen Feind auch auf seinem eigenen Territorium anzugreifen, um dadurch seinen Rückzug aus dem eigentlichen Interessengebiet, dem Vorderen und Mittleren Orient, zu erzwingen. In Verfolg dieser neuen Strategie kam es bis in die jüngste Gegenwart zu einer endlosen Kette von Terroranschlägen, verübt von der al Qaida-Führung direkt oder ihren zahlreichen Unterorganisationen in allen Teilen der Welt.


In der Weltpolitik gilt: Öl ist Macht. Umgekehrt: Ohne Öl läuft gar nichts. Es würde zu weit führen, alle politischen und militärischen Aktionen der Supermacht USA und ihrer Satelliten („Verbündeten") aufzulisten, deren ausschließlicher Zweck es war, sich die Vorherrschaft in ölreichen Gegenden zu sichern. Dabei spielten moralische Skrupel nie eine Rolle.


Am deutlichsten fiel die Maske nach dem Überfall auf den Irak, ein Schwellenland, dessen Herrscher Saddam Hussein man den Besitz von Massenvernichtungswaffen andichtete. Wäre ein solcher Vergleich nicht verpönt, so könnte man an den simulierten polnischen Überfall auf den Gleiwitzer Sender denken, der den Zweiten Weltkrieg auslöste. (Zur Erinnerung: Die Urheber sind damals als Kriegsverbrecher verurteilt und gehängt worden.

Zur Zeit beobachten wir einen ähnlichen Akt von Raubtier-Imperialismus im ölreichen Libyen, wo es der von den USA, England und Frankreich in Gang gesetzten Militärmaschinerie der NATO inzwischen gelungen ist, den "Diktator" Gaddafi zu beseitigen. Zwar besaß auch er keine Massenvernichtungswaffen, doch habe er "auf das eigene Volk schießen lassen". Und das mit Waffen, die ihm seine früheren Handelspartner -gegen Öl - bereitwillig geliefert hatten. Die in unseren Medien nur spärlich erschienenen und großenteils einseitig manipulierten Berichte über das Geschehen sprechen für sich. Das Rezept ist nicht neu. Eine ständig wechselnde Anzahl "demokratischer" Habenichtse lässt sich nun einmal leichter manipulieren als ein festgekrusteter "Diktator", der seine Taschen bereits voll hat.


Amerika liebt es seit jeher, seine gewaltsamen Aktionen mit der Rolle des Weltpolizisten oder Befreiers zu bemänteln. Tatsächlich gelingt es einer geschickten Propaganda, das eigene Volk von seiner heilbringenden Mission zu überzeugen. Falls erforderlich, muss man eben die Menschheit zu ihrem Glück, nämlich dem American way of life, gewaltsam hinführen. Wenn die Undankbaren sich dann sträuben und ihre eigene kulturelle Identität bewahren wollen, sind sie für die Folgen selbst verantwortlich.


Dieser heuchlerische Missionarismus amerikanischer Prägung mit imperialistischem Hintergrund ist nun mit der al-Qaida auf einen Gegner gestoßen, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Einzugsbereich und die Kultur des Islams zu verteidigen. Die Ungleichheit der Waffen liegt auf der Hand: Flugzeugträger, Panzer, Drohnen, Raketen und vieles Andere mehr gegen Sprengsätze und Kalaschnikows. Die vorstehend aufgeführten Beispiele zeigen, dass dem militärisch hoffnungslos Unterlegenen nur noch die Waffe des Terrors bleibt, um psychologisch auf den Gegner einzuwirken. Und dazu gehören eben auch Terrorakte im Ursprungsland des Feindes. Es ist nicht mehr als die entsprechende Antwort auf die Leiden der Zivilbevölkerung im Irak, in Afghanistan und anderen erdölhaltigen oder strategisch wichtigen Ländern, für die man die verharmlosende Bezeichnung von „Kollateralschäden" verwendet.


Wir Deutschen, die, wie die kürzliche Verleihung der Friedens(!)medaille durch den Friedensnobelpreisträger(!) Obama an unsere Bundeskanzlerin demonstrierte, zu den treuesten und bedingungslosen Befürwortern der amerikanischen Politik zählen, müssen uns angsterfüllt fragen, wann denn auch wir mit terroristischen Schlägen an der Reihe sind. Mehr noch. Nach dem Verhalten unserer Regierenden, die sich amerikanischer gebärden als die Amerikaner selbst, erscheint es geradezu verwunderlich, das es bei uns bisher so ruhig geblieben ist. Kein noch so großes martialisch aufgerüstetes Polizeiaufgebot vermag, allen Versicherungen der Politiker zum Trotz, unsere hochtechnisierte und dadurch sehr leicht verwundbare Infrastruktur wirksam zu schützten. Alles Andere ist nicht mehr als bloße Augenwischerei.


Der Gedanke liegt nahe, dass bis in die Gegenwart die enormen Sympathien nachwirken, die wir Deutschen in den letzten Jahrhunderten bei den betroffenen Völkern erworben haben, ein Kapital, das wir zur Zeit bedenkenlos verspielen. Es war schon peinlich mit anzusehen, wie unsere Kanzlerin die ausgestreckte Hand des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad („Der Irre von Teheran") in beleidigender Form zurückstieß. Unsere historischen ausgezeichneten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Ländern des Nahen Ostens erwiesen sich stets als überaus vorteilhaft für beide Seiten. Vielleicht auch beruht die abwartende Haltung auf der sicher vergeblichen Hoffnung der islamischen Welt, Deutschland werde doch noch zur Einsicht kommen und sich von der unheiligen Allianz lösen. Immerhin haben keine deutschen Soldaten an Bushs Irak-Abenteuer und jetzt am Überfall auf Libyen teilgenommen.


Jedoch hat unsere Einmischung auf Seiten der Imperialisten in Afghanistan und anderen Ländern schon sehr viel wertvolles Porzellan zerschlagen und auf deutscher Seite nicht nur die üblichen Milliarden, sondern auch Blut gekostet. Es ist schwer verständlich, wenn sich der allgemeine Volkszorn an im Verhältnis unbedeutenden Dingen wie Stuttgart 21 oder dem Datum des Atomausstiegs entzündet, andererseits politische Parolen wie „Deutschland werde am Hindukusch verteidigt" mit allen Folgen kritiklos hingenommen werden.


Anlässlich der in letzter Zeit abnehmend spektakulär aufgezogenen offiziellen Trauerfeiern erfahren wir, dass die „gestorbenen" Soldaten bei der Verteidigung unserer Freiheit und Sicherheit Opfer von „feigen und hinterhältigen Anschlägen" der Terroristen geworden sind. Doch tapfer, wie wir Deutschen schon immer waren, werden wir dem Terror nicht weichen.


Am Ende seines Lebens fasste Napoléon rückblickend seine Erfahrungen mit dem politischen Instinkt der Deutschen zusammen:

„Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nicht zu säen. Ich brauchte nur meine Netzte auszuspannen, dann liefen sie wie scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt, und sie meinten, damit ihre Pflicht zu tun. Törichter ist kein anderes Volk auf der Erde. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde."


 

 

 

„Audiatur et altera pars" lautet eine fundamentale Forderung an die Rechtsprechung. Man muss beide Seiten hören und dann abwägen, bevor man zum Urteil kommt. Wenn Sie, verehrter Leser, bei einem Terroranschlag in Deutschland einen nahen Angehörigen verlören - wem würden Sie die Schuld geben?


Weitere Meldungen aus dieser Rubrik

Ruppert meint…Nr.16 Rechtsbeugung

Ruppert meint…Nr.16 Rechtsbeugung Justiztragödie in drei Akten 3. Akt: Hexenjagd Das Wort... [zum Beitrag]

Ruppert meint... Nr. 5

Ruppert meint...Nr. 5  Der Fluch des Alters Quem Di diligunt iuvenis moritur. Der bekannte Spruch... [zum Beitrag]

Ruppert meint…Nr.6

Ruppert meint…Nr.6   Das Imkersterben „Erst hat man Bienen, dann haben die Bienen einen“ lautet eine alte... [zum Beitrag]

Ruppert meint...Nr. 23 Nicht für die...

Ruppert meint...Nr. 23 Nicht für die Schule... „Also lautet ein Beschluss, Dass der... [zum Beitrag]

Ruppert meint...Nr. 24 Der...

Ruppert meint...Nr. 24 a Der hässliche Deutsche 1. Teil: Seine Entstehung Wieder einmal ist... [zum Beitrag]

Ruppert meint…Nr.7: Inflation

Ruppert meint...Nr 7: Inflation Können Sie, verehrter Leser, sich zwei Billionen vorstellen? So hoch... [zum Beitrag]

Ruppert meint... Nr.:9

Ruppert meint…Nr. 9 „Wutbürger“ Die Stärke der lateinischen Sprache besteht unter anderem darin,... [zum Beitrag]

Ruppert meint...Nr.20 ...Der Weg...

Ruppert meint...Nr.20 Europa 1. Teil: Der Weg nach „Europa" „Europa" und „Finanzkrise", so... [zum Beitrag]

Ruppert meint Nr.3

Kolumne Februar 2011    Ruppert meint...Nr.3 „Volkseigentum" Vor einiger Zeit nutzte ein jüngerer... [zum Beitrag]