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Ruppert meint... Nr. 5

Datum: 01.04.2011
Rubrik: Kolumne

Ruppert meint...Nr. 5  Der Fluch des Alters



Quem Di diligunt

iuvenis moritur.


Der bekannte Spruch wird dem altrömischen Dichter Plautus (3. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben und  gewöhnlich übersetzt "Wen die Götter lieben, der stirbt als Jüngling". Jüngling war man nach römischem Verständnis bis zum 25. Lebensjahr. Wenn ich auch Zeit meines Lebens die Weisheit der Antike bewunderte, so leuchtete mir diese Erkenntnis nie richtig ein, ich halte sie sogar für Unsinn. Plautus ist für seine Zeit sehr alt geworden und hatte, als er mit 70 starb, ein erfolgreiches Leben hinter sich. Auch ich selbst bin mit meinem bisherigen Lebensablauf durchaus zufrieden; warum also hätte ich auf rund 60 Jahre davon verzichten sollen? Die Lösung des scheinbaren Widerspruchs liegt wohl in der lateinischen Grammatik. Das Wort „iuvenis" bedeutet nicht nur „Jüngling", sondern als Adjektiv (Eigenschaftswort) auch „jung". „Wen die Götter lieben, der stirbt jung". Jung, das heißt, bevor ihm die Beschwerden des Alters die Lust am Leben nehmen. Denn man ist immer so alt - oder so jung -, wie man sich fühlt. Auf unsere Zeit bezogen heißt das: Wen Gott liebt, den lässt er sterben, bevor er alt und gebrechlich wird. So stimmt der Spruch.


Niemand möchte heutzutage älter werden oder gar alt sein. Schon das Wort enthält eine Abwertung. Grotesk wie eine Mumifizierung wirken bisweilen die Versuche von Frauen, aber auch von Männern, mit allen erdenklichen Mitteln dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Doch ein Blick aus der Nähe zerreißt gnadenlos die Maske.

Gnadenlos ist auch die hierzulande geübte Praxis, alle Menschen unter Nennung ihres Lebensalters vorzustellen, ähnlich dem Verfallsdatum einer Ware. Alt ist man nach gängiger Auffassung ab sechzig. Daran ändert auch nichts das Interesse, das man gewissen Alterskoryphäen entgegen bringt. An der Spitze Johannes Heesters (107), dann Altbundeskanzler Schmidt (92), Peter Scholl-Latour (87) und danach einige weitere frühere Prominente, die noch nicht die für die Medien interessante Altersschwelle von 80 geschafft haben. Sie werden als Kuriositäten vorgezeigt, man lässt sie rücksichtsvoll-höflich zu Wort kommen. Doch was sie zu sagen haben, wird nicht ernst genommen.


Wer älter wird, bemerkt unwillkürlich, wie sich allmählich das Verhalten seiner Umgebung ihm gegenüber verändert. Selbst wenn er mit 70 noch in vollem Saft steht und Bäume ausreißen kann, tritt man ihm trotzdem, ähnlich wie einem Kranken oder Behinderten, auf eine besonders nachsichtig-fürsorgliche Art entgegen und gibt sich Mühe, dass er es nicht merkt. Nicht selten distanzieren sich nach und nach Bekannte, frühere Kollegen, Angehörige, Freunde rechtzeitig von dem langsam verkalkenden Jammergreis, um der Peinlichkeit zu entgehen, später einmal als herzlos da zu stehen.

Knallhart wird unserer heranwachsenden Generation die zu erwartende „Rentnerschwemme"  als statistisch belegtes Horrorgemälde ihrer Zukunft vor Augen gehalten. Soweit die jungen Leute dafür überhaupt Interesse zeigen, reagieren sie folgerichtig. Die einen erwägen, sich der auf sie zu kommenden sozialen Hypothek durch Abwanderung zu entziehen, Andere überlegen, wie sie für ihre alten Tage selbst vorsorgen können. Die Zahl derer nimmt zu, die sich auf Hartz IV und eine vorbehaltslose Grundsicherung auf Lebenszeit verlassen. Nicht ein Einziger von denen, die ich auf das Thema angesprochen habe, vertraut unseren öffentlichen Versorgungseinrichtungen. Der mit der Rentnerschwemme bei den Jungen hervorgerufenen Zukunftsangst entspricht bei den Alten das Bewusstsein, sie könnten der Welt keinen größeren Dienst erweisen, als sich von ihr möglichst bald zu verabschieden. Schlimm daran ist, dass die Fakten und Zahlen ja objektiv zutreffen.


Die Darstellung des Alters als Zukunftslast, verbunden mit makabren Witzen, dürfte wesentlich mitursächlich sein für die fehlende Achtung, ja Geringschätzung, die die Älteren von den Jüngeren erfahren müssen. Wer bietet noch einer älteren Person seinen Sitzplatz an? Erfreuliche Ausnahmen bestätigen die Regel. Oft handelt es sich dabei um Ausländer.

 

Das war nicht immer so. In den Neuen Bundesländern überraschte mich ein bisher ungewohntes Verhältnis der Generationen zueinander. „Opa" und „Oma" wurden nicht abwertend-lächerlich gebraucht im Sinne von Vergreisung, so wie etwa in dem auf überflüssig gewordene Politiker bezogenen Spruch: „Hast du einen Opa, dann schick´ ihn nach Europa". Kein Wunder, gab es doch in der DDR viele recht attraktive Omas um die Vierzig. Nicht nur, dass sie voll im Berufsleben standen, erfüllten sie auch häufig innerhalb des Familienverbandes eine wichtige Rolle beim Aufziehen des Nachwuchses. Bei Jugendweihen im Friedrich-Wolf-Theater besetzten die Großeltern fast die Hälfte der Sitze.


Schon bei meinen zahlreichen Besuchen in der noch bestehenden DDR war mir das nicht nur vorgeheuchelte Interesse des Staates an der gesellschaftlichen Eingliederung der als „Veteranen" geehrten heutigen „Rentner" aufgefallen. Sie nahmen weiterhin einen anerkannten Platz in der Gemeinschaft ein und brauchten sich nicht als überflüssige oder  lästige Schmarotzer fühlen. Der „wohlverdiente Ruhestand" war keine bloße Floskel.


Auch unter den Nazis stellte man uns Jungen immer und überall die Alten als Vorbilder hin, die wir zu achten und deren altersbedingte Schwächen wir zu verstehen hatten. Bis heute erinnere ich mich noch an ein Lesestück im zweiten Volksschuljahr. Ein Junge erlebt am Mittagstisch, wie der alte Großvater ausgescholten wird, als ihm ein Suppenteller aus den zittrigen Händen fällt und zerbricht. Tags darauf bemerken die Eltern den Jungen, wie dieser einen Holzteller schnitzt. Auf ihre Frage, was das denn bedeute, erklärt ihnen der Sohn, den Teller schnitze er schon einmal vorsorglich für sie, damit ihnen nicht auch einmal dasselbe Missgeschick widerfahre wie jetzt dem Großvater.


Manche Zeitgenossen mögen meine Ansichten als überholt oder gar als rechtslastig kritisieren. Damit kann ich gut leben. Die Achtung des Alters war weder ein typisches Dogma des Dritten Reichs noch eine Errungenschaft des Sozialismus, sie ist vielmehr Ausfluss unserer abendländischen Kultur. Ihren wohl ältesten Niederschlag  findet sie im vierten der zehn Gebote Gottes: Du sollst Vater und Mutter ehren...


Das Problem des letzten Lebensabschnitts ist so alt wie die Menschheit überhaupt. In der antiken Welt achteten vor allem die Römer den alten Menschen wegen seines umfangreichen Wissens. Die Schwelle zum „senex" lag auch damals schon bei sechzig Jahren, wovon das lateinische Wort „Senat" kündet, in den ursprünglich die über 60-Jährigen gelangten, die „Senatoren". „Senior" heißt in der wörtlichen Übersetzung „der Ältere".


Der Anteil der Alten an der Gesamtgesellschaft lag bei rund fünf Prozent (heute über 20 Prozent, Tendenz weiter steigend). Die Altersvorsorge war Privatsache und zählte nicht zu den Aufgaben des Staates. Der Staat belohnte mit einer Alterszuwendung nur diejenigen, die sich um ihn selbst verdient gemacht hatten. Bei ausgedienten Soldaten zum Beispiel war es ein Stück Land, das der „Veteran" bis an sein Lebensende gewinnbringend bewirtschaften konnte. Auch Politiker erhielten im Verhältnis zu heute eher bescheidene Zuwendungen. Allein wer sich in seinen guten Jahren etwas zur Seite gelegt hatte, konnte sich einen schönen Lebensabend leisten. Und die Anderen?


Den Lebensmittelpunkt für alte Menschen bildete, mehr als heute, die Familie. Der Familienälteste, der „Paterfamilias", blieb bis zu seinem Tode Familienoberhaupt, der „Materfamilias" gebührte eine besondere Ehrenstellung. Die Nachkommen waren durch Gesetz und Sitte verpflichtet, für das Wohlergehen ihrer Vorfahren zu sorgen. Wer dieser Aufgabe nicht nachkam, musste mit Haft und im schlimmsten Falle der Vernachlässigung sogar mit dem Tod rechnen. Hatten jedoch die Eltern ihren Kindern keine Berufsausbildung ermöglicht oder sie zur Prostitution gezwungen, dann waren die Kinder von der Fürsorgepflicht frei. Die einfache juristische Betrachtungsweise zeigt uns ein wechselseitiges Schuldverhältnis auf Grund eines  Generationenvertrags: Die Fürsorge der Eltern, dich groß gezogen zu haben, verpflichtet dich zur Fürsorge in deren Alter.

Im Prinzip funktionierte dieses System auch im Mittelalter und noch in der Neuzeit bis zum Beginn der Industrialisierung. Hohe Kindersterblichkeit, Krankheiten, die Pest, verlustreiche Kriege und Hungersnöte führten zu einer vergleichsweise geringen Bevölkerungsdichte mit einer viel niedrigeren Lebenserwartung als heute. Schon dadurch trat das Altersproblem nicht so sehr in Erscheinung. Die Gesellschaft war vorwiegend bäuerlich-handwerklich geprägt. Erst, wenn der Alte nicht mehr konnte, ging der Hof oder das Gewerbe über auf  den ältesten Sohn oder Schwiegersohn. Die Eltern behielten sich ihr so genanntes Altenteil vor. Das auf Gewohnheitsrecht beruhende System funktionierte auf der Grundlage einer christlich bestimmten Moral auch ohne besondere gesetzliche Regelung. So lange die Alten noch konnten, sprangen sie selbstverständlich ein, wenn es erforderlich wurde. Ein Altenteil erwartete auch den Knecht, den Gesellen und das Dienstmädchen bei den Herrschaften. Für ausgediente oder verkrüppelte Soldaten sorgte oft der Landesherr. Gemeinsam war für alle, dass sie in ihrer gewohnten Umgebung verblieben. Doch hatte diese Gesellschaftsordnung Lücken. Diese Unglücklichen mussten betteln oder Zuflucht suchen in einer meist kirchlichen Einrichtung. Oder sie verhungerten oder erfroren. Der Tod als Erlöser. Wir kennen diese Welt aus unseren unmodern gewordenen Märchen.

 

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte hat sich bei uns seit etwa 100 Jahren eine Denkweise entwickelt und verfestigt, wonach ab einem durch das Lebensalter bestimmten Zeitpunkt ein Recht entsteht, von der Gesellschaft bis zum Lebensende versorgt zu werden. Diese Auffassung fußt auf der wirklich „innovativen" Sozialpolitik des genialen Bismarck („Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt"). Ihr simpler und nicht neuer Grundgedanke beruht ebenfalls auf dem Ansparen von Altersrücklagen. So wie der Freiberufler aus eigenem Entschluss einen Teil seines Einkommens zur Bildung von Rücklagen verwendet, so hat kraft Gesetzes  jeder nichtselbständige Bürger einen Teil seines Arbeitsentgelts kollektiv in eine staatlich kontrollierte Gemeinschaftskasse zu zahlen, die das angesparte Vermögen verwaltet. Das Kollektiv der Sparer erwirbt dadurch einen entsprechenden Versorgungsanspruch.


Was zu Bismarcks Zeiten logisch und selbstverständlich schien, scheiterte an der Unzulänglichkeit des Staates. Schon im Ersten Weltkrieg feuerte er das Ersparte im buchstäblichen Sinne des Wortes in die Luft. In der Folgezeit fielen die Sozialrücklagen mehrfachen Geldentwertungen zum Opfer. Die Folge: Heute werden die neben den Steuern erhobenen Sozialbeiträge sofort bis auf den letzten Cent zur Zahlung der laufenden Renten verbraucht. Da sie jedoch nicht mehr ausreichen, müssen Steuergelder her. Die aber werden, ebenso wie die Sozialabgaben, wegen des Geburtenrückgangs, fortschreitender Mechanisierung und Auslagerung von Arbeit in Billiglohnländer immer knapper. Andererseits lautet das Gebot der Stunde, einen Deich gegen die ansteigende „Rentnerschwemme" zu errichten. Damit hat sich der Teufelskreis geschlossen. Arbeitslose und Geringverdienende erlangen erst gar keinen Versorgungsanspruch, der das zum Leben Erforderliche deckt, und die Summe der Rentenansprüche kann mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr befriedigt werden.

Bestehen geblieben ist jedoch der vermeintliche Anspruch der Menschen auf Versorgung mit zur Zeit noch 65 Jahren. Erhöht man das  Rentenalter, wie von der Politik beabsichtigt, auf 67, so ist auch das keine Lösung, sondern nur vorübergehende Augenwischerei, genau so wie die in ihrem Wesen unmoralische Besteuerung der Renten. Mit dem Hinausschieben des Rentenalters erreichen noch weniger Menschen ihren vollen Anspruch. Im Ergebnis ist es  eine verkappte Methode von systematischer Rentenkürzung, die sich mit weiteren Erhöhungen des Rentenalters beliebig fortsetzen lässt. Die Vorgehensweise zeigt klar auf, wohin die weitere Entwicklung zielt. Irgendwann wird auch bei den Renten das Existenzminimum erreicht. Eine stetig ansteigende Zahl von Versorgungsempfängern landet auf der so genannten Grundsicherung.


Alle staatlichen Leistungen, die, wie die Sozialhilfe, nicht von einer Gegenleistung abhängen, nennt man heute „Transferleistungen". Bezahlt werden sie mit  Steuergeldern, die sich nicht beliebig vermehren lassen. Ebenso wenig wie die unbegrenzte Aufnahme von Anleihen durch den Staat. Alle diese Machenschaften schieben die Stunde der Wahrheit nur auf unbestimmte Zeit hinaus. Im Übrigen sichern diese ins Unvorstellbare angewachsenen Staatsschulden nicht die Altersversorgung der Bürger, sondern deren angebliche Verteidigung in aller Welt, Beiträge zu vielen internationalen Organisationen und neuerdings den Fortbestand des Euro.


Als man Johannes Heesters einmal fragte, worauf denn das Geheimnis seines langen Lebens bei geistiger Frische beruhe, gab er zur Antwort: „Nie aufhören zu arbeiten". Das kann ich nur bestätigen. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich an vielen Verabschiedungen in den „wohlverdienten" Ruhestand teilgenommen. Es wiederholten sich immer dieselben Floskeln, hohler Pathos von Dank und der Lücke, die der Scheidende hinterlässt. Der bedankt sich dann für die schönen Worte und freut sich auf die vielen Dinge, die zu tun er wegen seiner aufreibenden Tätigkeit bisher keine Zeit gefunden habe. In der Regel fand man die Namen derjenigen, die sich tatsächlich im buchstäblichen Sinne des Wortes zur Ruhe gesetzt hatten, nach zwei bis drei Jahren schwarz umrandet in der Zeitung wieder. Für die anderen, die entweder ihren Beruf im Schongang weiter ausübten oder die neue Initiativen gleich welcher Art entwickelten, begann dagegen ein neuer Lebensabschnitt. Alle, deren Lebenskraft auch im hohen Alter wir bestaunen, sind nie untätig geblieben. Dabei glaube ich feststellen zu können, dass die geistige Komponente über die körperliche bestimmt, nicht umgekehrt.

Für wirtschaftlich rundum versorgte Menschen wie Johannes Heesters mag die Arbeit bis ans Lebensende ein probates Mittel zur Erhaltung der Kondition sein. Was aber geschieht mit all denen, die, wie wir gesehen haben, in absehbarer Zukunft nicht mehr die Möglichkeit zur Fortführung eines über der Armutsgrenze liegenden Lebensstils besitzen? Entweder, weil ihr Verdienst im Laufe des Beruflebens keine ausreichende Altersversorgung ermöglichte, oder ganz einfach, weil die öffentlichen Kassen nur noch für eine Grundsicherung reichen? Wie schon angedeutet, zeigt die Erhöhung der Altersgrenze in die einzig mögliche Richtung: Arbeiten bis zum Umfallen. Ganz so krass wird es wohl nicht werden, man wird versuchen zu kombinieren. Der Lebensstandard der Älteren wird dann sowohl vom Lebensalter als auch vom Grad der noch vorhandenen Erwerbsfähigkeit bestimmt, so, wie in anderen Ländern auch. Mögen die Anhänger sozialistischer Träumereien noch so polemisieren, an den Realitäten unserer in ihren Grundlagen kapitalistischen Gesellschaft kommen sie nicht vorbei. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Schon in der Bibel, dem Alten Testament  ( Psalm 90,10) heißt es: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre, und wenn´s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.

Immer, wenn ich von Weitem den Komplex des Altersheims sehe, denke ich an meine mit fast 95 Jahren verstorbene Tante Lotte, die letzte Überlebende der Elterngeneration. Dies mit einem eigenartigen Gefühlsgemisch von Hilflosigkeit, Wut, Bedrohung und Angst, aber auch Zufriedenheit und Dankbarkeit. Zunächst einmal möchte ich Ihnen, verehrte Leser, die bekannte Fabel von der Grille und der Ameise in Ihr Gedächtnis zurück rufen. Warum, werden Sie später erfahren.


Die Grille musizierte

die ganze Sommerzeit -

und kam in Not und Leid,

als nun der Nord regierte.

Sie hatte nicht ein Stückchen

von Würmchen oder Mückchen.

Und Hunger klagend ging sie hin

zur Ameis, ihrer Nachbarin,

und bat sie voller Sorgen,

ihr etwas Korn zu borgen.

„Mir bangt um meine Existenz",

so sprach sie. „Kommt der neue Lenz,

dann zahl ich alles dir zurück

und füge noch ein gutes Stück

als Zinsen bei". Die Ameis leiht

nicht gern; sie liebt die Sparsamkeit.

So sagte sie zur Borgerin:

„Wie brachtest du den Sommer hin?"

„Ich habe Tag und Nacht

mit Singen mich ergötzt".

„Du hast Musik gemacht?

Wie hübsch! So tanze jetzt!"

Charlotte, ein niedliches, hübsches Einzelkind, wuchs wohlbehütet und leicht verwöhnt bei ihren kinderlosen Adoptiveltern in einem Chemnitzer Vorort auf. Die betrieben dort  ein kleines Lebensmittelgeschäft. Als junge Frau verliebte sich Lotte ebenso hartnäckig wie leidenschaftlich in den neun Jahre jüngeren Herbert, den Bruder meiner Mutter, der aus weniger begüterten Verhältnissen stammte. Herbert hatte gehorsam, aber ohne Begeisterung, eine ihm von seinem Vater verordnete Lehre als Rechtsanwaltsgehilfe abgeschlossen. Danach durfte er seinen eigentlichen Berufswunsch erfüllen, er wurde Soldat in der neu aufgestellten Wehrmacht. Den knallharten Drill vergaß er in der Gesellschaft von Lotte, für die er in seiner schmucken Uniform außer ihren schönen Kleidern, Ringen, Broschen und Perlenketten das wertvollste Schmuckstück darstellte. Den beiderseitigen Eltern gelang es trotz allen Bemühens nicht, die Verbindung auseinander zu bringen.  Sie überdauerte auch  die  Trennung durch den Ausbruch des Krieges. Immer an vorderster Front erwarb Herbert sich eine Tapferkeitsauszeichnung nach der anderen. Während des Russlandfeldzugs ließen die beiden sich ferntrauen. An die im nächsten Urlaub nachgeholte Hochzeitsfeier erinnern historisch anmutende Fotos, sie im aufwendigen langen weißen Brautkleid, er in seiner Ausgehuniform mit dem damals üblichen Lametta und Säbel.


Herbert kam mehr tot als lebendig aus der Tschechoslowakei zurück Dort hatte er unter dem Durchhaltegeneral Schörner in Unkenntnis der Kapitulation mit seiner Einheit den Kampf noch einige Tage weiter geführt und gerade einen erfolgreich angelaufenen Gegenangriff unternommen. Da kam eine Gruppe russischer Soldaten, eine weiße Fahne schwenkend, auf sie zu. Nicht, wie vermutet, um sich zu ergeben, sondern um ihren Gegnern das Kriegsende und den Tod Hitlers mitzuteilen. Herbert ergab sich nicht, die Russen ließen es dabei bewenden. Bewaffnet schlug sich die Gruppe nach Deutschland durch und löste sich dann auf.  Er hatte es zwar bis zum Major gebracht, befand sich aber in einem erbarmenswürdigen Zustand, von dem er sich bis zu seinen Tod nicht mehr erholte.

Nun musste sich die Ehe der Beiden bewähren. Ich begegnete ihnen erstmals mit 20 Jahren unter Umständen, die ich in meinem Buch „Leben im Schatten der Zeit" beschrieben habe. Trotz des zunehmenden Auseinanderdriftens der beiden Teile Deutschlands entstand zwischen uns eine bedingungslose Freundschaft. Ich verfolgte im Westen erfolgreich meine Laufbahn als Richter, Herbert erklomm eine Stufe nach der anderen im Genossenschaftshandel. Bei vielen Besuchen lernte ich die DDR mit ihren Licht- und Schattenseiten kennen. Als man Herbert eine Spitzenstellung anbot, bei der er als so genannter Geheimnisträger die Westkontakte hätte abbrechen müssen, lehnte er ab..


Der Laden, den Lotte geerbt hatte, wurde Konsum-Verkaufsstelle. Sie selbst arbeitete dort bei Wind und Wetter als Gemüseverkäuferin. Ihr fast krankhafter Hass auf den Kommunismus ging so weit, dass sie in ihrem Gärtchen keine roten Blumen duldete.


Einige Jahre nach der Wende wurden beide hinfällig. Als ich Herbert kurz vor seinem Tod zum letzten Mal sah, konnte er schon nicht mehr sprechen. Ich glaubte aber, in seinen Augen Dankbarkeit zu erkennen; denn ich hatte im versprochen, mich um seine Frau zu kümmern. Ich ließ ihn in seiner schmucken, an einigen Stellen schon etwas angeblichenen und von den Motten heimgesuchten Ausgehuniform begraben, die er sechzig Jahre lang als kostbare Reliquie bewahrt hatte.

Meine Tante Lotte hatte ihre Zeit längst überlebt. Außer mir gab es keine Angehörigen oder Freunde mehr. Ihr Geist verwirrte sich. Sie hat den Tod ihres Mannes nie wahrgenommen. Nach seiner Beerdigung nahm ich sie kurzerhand mit nach Eisenhüttenstadt, wo sie bis zu ihrem Ende noch sieben Jahre im Altersheim verbrachte.


Die ersten Monate waren hart. Lotte wusste nicht, wo sie war, doch sie wollte immer nach Hause. Die Pflegerinnen vertrösteten mich, das sei eine normale Erscheinung, die in spätestens drei Monaten vorüber gehe. Ihr schlechter Zustand deutete eine baldige biologische Lösung an. Sie teilte einen kleinen Raum mit einer weiteren Bewohnerin. Von der früher üppigen Garderobe passten nur wenige Kleidungsstücke in einen spindartigen Schrank. Ihren geliebten Schmuck verwahrte sie in der Schublade des Nachttischs. Anfangs war ich entsetzt über die routine-, ja fließbandartige Behandlung und Versorgung der Zellenbewohner. Bei ihrer Ankunft war Lotte nicht inkontinent, nach wenigen Tagen war sie es. Doch bald musste ich mein Urteil berichtigen. Rückblickend sehe ich sogar in dem kasernenmäßigen, aber konsequenten und zweckmäßigen Stil des Hauses den Grund für die notwendige Anpassung und die noch erstaunlich lange Lebensdauer meiner Tante.

Das häufig wechselnde Pflegepersonal war durchweg freundlich und hilfsbereit. Sie machten meine Tante ausgehfertig für unsere Spaziergänge in der gegenüber liegenden Parkanlage. Dazu legte sie stets ihren geliebten Kaninchenpelzmantel und allen Schmuck an. In einem Falle dauerte es etwas länger. Lotte sei noch beim Friseur, hieß es, sie komme in zehn Minuten. Die wenigen Haare müssten noch trocknen. Für den Haartrockner habe das monatlich eingezahlte Geld nicht mehr gereicht. Unterwegs sprach sie mit kleinen Kindern, streichelte einen Hund, bewunderte jedes Mal von Neuem eine sympathisch wirkende Frauenstatue und im Frühjahr eine wunderschön blühende japanische Kirsche. „Ja, ja, Dräsdn is ne scheene Stadt", stellte sie fest. Die vielen Bänke luden zum Ausruhen ein. Dabei kam es zu netten Dialogen.


„Werner, wo wohnst Du eigentlich?"

„Da hinten in dem großen Haus". (Hochhaus Mittelschleuse)

„Und wo wohne ich?"

„Da gegenüber in dem Fünfsternehotel".

„Was? Aber ich habe doch gar kein Geld".

„Doch, Du bist eine reiche Frau, hast ein großes Haus und eine gute Rente."

„Ach so, das wusste ich gar nicht."


Lotte fragte nie nach ihrem Mann. Allmählich begriff ich, dass sie mich mit ihm zu einer Person verschmolz.


„Werner, was machst Du eigentlich, wo arbeitest Du?"

„ Ich arbeite am Gericht,"

„Ach so. Trägst Du da auch eine Uniform?"

„Ja natürlich."

„Wie sieht die denn aus?"

„Schwarz."

„Wieso denn schwarz?"

„Waffen-SS."

„Ach so."


Eines Tages bemerkte ich zu meinem Schrecken in einem Zimmer schräg gegenüber von Lotte Frau G., den jahrelangen Albtraum von Sozialamt, Gericht und jetzt des Altersheims.  Es ist mir auch heute nicht möglich, irgendetwas Positives über sie zu sagen oder Mitleid zu empfinden. Sie stammte aus den jetzt polnischen Vertreibungsgebieten. Ihre unförmige Gestalt beruhte wesentlich auf ihrer Faulheit und Fresssucht. Irgendwie war es ihr gelungen, sich mit neuen Papieren um mindestens zehn Jahre älter zu machen, was sie mir gegenüber nie bestritt. Zeit ihres Lebens parasitierte sie von sozialen Zuwendungen und dem Mitleid ihrer Umgebung. Stets trat sie unverschämt fordernd auf, beschwerte sich mit einem bemerkenswerten Einfallsreichtum überall und über alles.. Wenn sie zum Beispiel ihre Sozialhilfe verfressen hatte und das Sozialamt ihr die kalte Schulter zeigte, ließ sie sich in einer ihrem Körperumfang entsprechenden Spezialtaxe zum Gericht fahren und im Rollstuhl die Treppen hoch tragen. Dann forderte sie kategorisch, den Chef zu sprechen. Von mir verlangte sie, ich solle das Sozialamt anrufen und dafür sorgen, dass sie zusätzliche Stütze erhalte. Außerdem müssten noch die Fahrtkosten bezahlt werden. Bis dahin habe sie Zeit zu warten.


Nun also schwang sie ihre Fuchtel im Altersheim. Als sie mich erkannte, schallte es mir schon von weitem entgegen: „Herr Ruppert, kommen Sie mal her!" Natürlich beschwerte sie sich über die Behandlung durch das Personal und meinte, ich als „Oberstaatsanwalt" müsse da etwas unternehmen. Um sie los zu werden, gab ich ihr fünf Mark. Das war ein Fehler. Sofort setzte sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit in Bewegung und setzte das Geld um in Eis und Bockwurst.


So ging es weiter. Auch wenn es mir gelang, mich an ihrer stets offen stehenden Zimmertür vorbei zu drücken, erwischte sie mich doch zusammen mit meiner Tante, und ich musste mich frei kaufen. Im Gespräch mit einer Pflegerin erfuhr ich, dass sie durch ihre Bekanntschaft mit dem „Obersten Staatsanwalt" das ganze Personal einschüchterte. Meine Spenden sah man gar nicht gerne. Obwohl die Dame bei gutem Willen durchaus in der Lage war, die Toilette aufzusuchen, ließ sie bewusst alles unter sich gehen und zwang sofort danach die Pflegerinnen, sich eine Zeitlang mit ihr zu beschäftigen. Weil sie sich mit niemandem vertrug, hatte Frau G. schließlich ihr Zimmer für sich allein. Auf ihre Art erreichte sie alles, was sie wollte. Man hatte Angst vor ihr.


Mit großem Tamtam verkündete sie schon wochenlang vorher ihren „Achtzigsten" und meinte, dieses Ereignis sei doch zehn Mark wert. Ich gab sie ihr als Prämie, eine Mark für jedes Jahr, mit dem sie die Leute hinters Licht geführt habe. Sie widersprach nicht.


Bei meiner Tante Lotte schwanden mit den Jahren die  Körperkräfte, die Sprache, die Denk- und Sehfähigkeit, das Gehör und auch der Schmuck. Im Schrank hing nicht mehr ein einziges der Kleidungsstücke, die sie mitgebracht hatte. Es war üblich, bei einem Todesfall die unbrauchbare Kleidung zu entsorgen, den Rest zu reinigen und auf die übrigen Insassen zu verteilen. Lotte hatte von irgendwo her einen grauen Trainingsanzug erhalten, der sie gar nicht schlecht kleidete und auch völlig ausreichte, wenn sie in einer Reihe mit den anderen mumiengleichen Gestalten unbeweglich auf dem Flur saß. Bei meinem Erscheinen hoben sich einige Köpfe, und ich hörte Bemerkungen mit einem neidvollen Unterton wie „Die kriegt schon wieder Besuch."

 

An einem kleinen Tisch im Flur setzte ich mich neben Lotte eine Zeitlang mit dazu, nannte das ironisch „probesitzen". Dabei konnte ich alle die hilflos-verlorenen Gestalten beobachten, die einmal Menschen waren und hier auf die Ewigkeit warteten. Nur an den Wochenenden kam etwas Bewegung auf. Manche hofften auf Besuche von Angehörigen, die jedoch häufig ausblieben. Da murmelte eine vor sich hin: „Der Erich ist nicht gekommen, der Ernst ist nicht gekommen, die Maria ist nicht gekommen, der Maik ist nicht gekommen, alle sind sie nicht gekommen. Wo sind sie nur geblieben?" Und wieder von vorn: „Der Erich ist nicht gekommen ....". Eine andere bat mich, ihr zum Telefonieren ein Zweimarkstück zu wechseln. Der erwartete Enkel sei ausgeblieben. Es müsse wohl etwas passiert sein. Sie könne ihm doch nicht jedes Mal etwas geben, sie habe doch selbst nichts mehr. So offenbarte sich mir der schlimmste Fluch, der auf dem Alter lastet. Es ist die Vereinsamung, das Bewusstsein der Nutz- und Hilflosigkeit, das Gefühl abgeschoben, vergessen zu sein, die bittere Erkenntnis, von all denen im Stich gelassen zu werden, für die man einmal da war, nicht geliebt, sondern nur gebraucht worden zu sein.


„Ich kann ihm doch nicht jedes Mal etwas geben". Immer weniger können von ihrer Rente etwas abgeben, weil die Heimkosten steigen, die Renten aber nicht. Rentner werden zu Sozialfällen. Auch meine Tante stand kurz vor dieser Schwelle zur absoluten Würdelosigkeit, als sie eines Sonntags verlosch wie der Docht einer Kerze. Sie hätte nie Sozialhilfe gebraucht, weil ich wusste, wie sie darüber dachte. Anders als Frau G. In der Fabel hatte die sparsame Ameise für den Winter vorgesorgt, die Grille nicht. Wozu auch? Die Welt ist seitdem besser geworden. Heute gibt es für die Grillen Transferleistungen. Diese lassen zum Beispiel Verzögerungen beim Haaretrocknen gar nicht erst aufkommen.

In ihrem kleinen Sarg schien Lotte im Schlaf zufrieden zu lächeln. Man hatte ihr die beiden Stofftierchen mit hinein gegeben, die sonst auf ihrem Bett lagen. Nun hat sie endgültig zurück gefunden  an die Seite ihres Mannes auf dem Friedhof ihrer Heimatstadt Chemnitz.


Wie sagte doch schon Plautus vor über zweitausend Jahren?

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