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Ruppert meint Nr.4

Datum: 18.02.2011
Rubrik: Kolumne

Ruppert meint…Nr.4  Der dekorierte Mensch



„Der Rang, so wichtig er in den Augen des großen Haufens und der Philister, und so groß sein Nutzen im Getriebe der Staatsmaschine  seyn mag, läßt sich für unseren Zweck mit wenigen Worten abfertigen. Es ist ein konventioneller, das heißt, eigentlich
ein simulirter Werth. Seine Wirkung ist eine simulirte Hochachtung, und das Ganze eine Komödie für den großen Haufen“.

Arthur Schopenhauer (1788-1860): Von dem, was einer vorstellt


Als jungem Mann imponierte mir der Philosoph Schopenhauer enorm. Mich faszinierte seine schonungslose Offenheit, mit der er alles in Frage stellte, was auch mir an der Welt heuchlerisch und verlogen schien. Jetzt, am Ende meines Lebens, muss ich einräumen, dass bei der Beurteilung und Bewertung von spezifischen Umständen seiner Zeit die Entwicklung in mancher Hinsicht über ihn hinweg gegangen ist, nicht aber in Bezug auf menschliche Schwächen.

Als junger, vaterlandsbewusster Deutscher war ich jedoch früher irritiert von Schopenhauers Urteil über den  Nationalstolz:

„Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen anderen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder Erbärmliche, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein kann, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein; hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, … zu verteidigen. Übrigens überwiegt die Individualität bei weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausend Mal mehr Berücksichtigung, als diese.

Heute, nachdem ich Gelegenheit hatte, nicht nur mein eigenes Vaterland, sondern auch manche andere zu erfahren, erkenne ich die Berechtigung von Schopenhauers Worten über den Nationalstolz, der, wie man immer wieder hört, uns Deutschen nicht nur abgeht, sondern sich in eine Art schamvoller Verleugnung umgewandelt hat. In der Tat mutet es mir als nach wie vor bekennendem Deutschen fast peinlich an, wenn sich „der Haufen“, um die Worte Schopenhauers zu gebrauchen, in Augenblicken von internationalen Erfolgen seines Landes mit dessen Staatsangehörigkeit schmückt, um mit einem Fakt zu prahlen, zu dem er nichts beigetragen hat als seine Geburt. Sicherlich hätte auch Schopenhauer nichts einzuwenden gegen die Formulierung des Schweizers Gottfried Keller: „Achte jeden Mannes Vaterland, aber das deinige liebe!“ Um Missverständnissen zuvor zu kommen: Verbundenheit und Liebe zu seiner Heimat zeigt auch der, der zum Beispiel seiner Fußballmannschaft auf Schwarz-rot-gold zujubelt. Das ist ganz anders zu verstehen als der Ruf „Deutschland über Alles“.

Eine individuelle Methode der Qualifizierung, mit der die Menschen seit jeher versuchen, ihre Eitelkeit zu befriedigen und der Vermassung zu entgehen, sind neben einem durch Geburt erworbenen, angeheirateten oder gekauften Adelsprädikat vor allem Blechorden und Titel. Unter einem Titel versteht man im engeren Sinne eine Ehrenbezeichnung, die, ähnlich wie Orden und Ehrenzeichen, staatlich verliehen wird, meistens, aber nicht immer, für eine persönliche Leistung. Bei dem im deutschsprachigen Bereich überaus populären „Doktortitel“ handelt es sich streng genommen nicht um einen Titel, sondern um einen akademischen Grad. Persönliche Titel wie Kommerzienrat, Justizrat, Sanitätsrat, der Geheime Rat usw. sind entweder abgeschafft oder werden nur noch sehr selten verliehen. Die deutsche Titulitis wird nur noch von den artverwandten Österreichern übertroffen. Bei manchen Gelegenheiten glaubte ich zu erkennen, dass ich eine Einladung weniger meiner Person, als vielmehr dem Doktortitel verdankte, mit dessen Ausstrahlung man sich indirekt selbst schmückt. „Zeig´ mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist“. Bleiben wir im Folgenden bei dem volkstümlichen Doktortitel“. Was bedeutet er?

Vor mir als Berufungsrichter stand einmal ein älterer Arzt, der zwar Mediziner war, aber kein Doktor. Das heißt, als Arzt besaß er nicht den akademischen Doktortitel, den jede Fakultät einer Hochschule in ihrem Bereich verleiht und dessen unbefugte Führung nach § 132 des Strafgesetzbuchs mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet wird. Der Mann hatte sich trotzdem im Telefonbuch als „Dr. med.“ eintragen lassen. Zuvor war bereits ein gegen ihn anhängiges Verfahren wegen unerlaubten Gebrauchs akademischer Grade eingestellt worden. Jetzt stand er als Wiederholungstäter vor Gericht. Die Vorinstanz hatte ihn zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Ich wollte dem Mann eine Chance geben, den relativ leicht zu erlangenden medizinischen Doktorgrad endlich zu erwerben, und setzte das Verfahren für die Dauer eines Jahres aus. Dabei bemerkte ich scherzhaft: „Sehen Sie, wenn ich mich heute auf den Neumarkt stelle und laut rufe „Herr Doktor!“, dreht sich mindestens ein Viertel der Menschen um.“ Dieses Zitat erschien am folgenden Tage im Gerichtsbericht des Kölner Stadt-Anzeigers. Es führte zu einer sehr scharfen Rüge meines dienstlichen Vorgesetzten, des Landgerichtspräsidenten, eines ausgezeichneten Juristen ohne Doktortitel. Der Rektor der Kölner Universität sei bei ihm vorstellig geworden wegen meiner skandalösen Bemerkung, die er auch selbst als Mitglied des Justizprüfungsausschusses missbillige.

Dem guten Mann war es im Laufe seines Studiums offensichtlich nicht gelungen, einen „Doktorvater“ zu gewinnen. Das sind Universitätsprofessoren, die einen „Doktoranden“ mit einer „Dissertation“ über ein wissenschaftliches Thema versehen. Die fertige Arbeit wird bewertet und muss danach von dem Bewerber in einer mündlichen Prüfung, dem „Rigorosum“ „verteidigt“ werden. Das ganze Verfahren nennt sich „Promotion“. Sein wissenschaftliches Niveau ist höchst unterschiedlich. Der Doktortitel berechtigt somit ohne nähere Kenntnis über seinen Erwerb nicht zu einem Urteil über die berufliche Qualifikation des Titelträgers. Er ist, wie Schopenhauer es trefflich formuliert, „ein simulirter Werth“ und bewirkt eine „simulirte Hochachtung“. Viele der Vorgesetzten und Kollegen, denen ich in meinem Leben begegnet bin und deren Wissen das meinige weit übertraf, konnten nicht mit dem Doktortitel aufwarten.


Das Glück, einen „Doktorvater“ zu finden, die Ansprüche an die Qualität der Arbeit und die damit verbundene Benotung hängen wesentlich ab von der persönlichen Beziehung zu einem Professor. Es ist ein Relikt aus dem Mittelalter und entspricht schon lange nicht mehr den tatsächlichen Gegebenheiten eines anonymen Massenbetriebs, in dem sich die Studenten von Hörsaal zu Hörsaal wälzen. Leichter haben es da häufig prominente oder gut betuchte Kandidaten oder besonders Begabte, oder aber das weibliche Geschlecht, vorausgesetzt, man ist attraktiv. Schon in meiner Studienzeit schwelten solche Gerüchte an der Kölner Universität; ich wollte sie aber nicht glauben. Man kann eine fertige Dissertation auch kaufen. Damals kostete sie auf dem akademischen Schwarzmarkt zwischen 10.000 und 30.000 Mark, was heute etwa dem gleichen Betrag in Euro entspricht. Im Jahre 2008 überraschten die Medien mit Schlagzeilen wie „Doktortitel gegen Bezahlung“, „Geld für Doktortitel“, „Geständnis: Doktortitel gegen Bares“, „Geld für Doktortitel, Sex für gute Noten“. Die Vorwürfe erstreckten sich auf mehrere deutsche Universitäten. Ein junger Kollege bestätigte sie mir für die Freie Universität Berlin. Sicher waren es Einzelfälle, doch beschlich den sachkundigen Leser der Verdacht, hier werde nur die Spitze des Eisbergs aufgedeckt. Gang und gäbe ist es hingegen, an besonders fleißige und begabte Studenten über einen längeren Zeitraum wissenschaftliche Arbeiten zu vergeben mit dem Anreiz einer späteren Dissertation. Dagegen wäre nichts einzuwenden, ersparte nicht der Missbrauch des Promotions-Monopols dem Doktorvater viel eigene Arbeit und brächte ihm die kostenlose Zuarbeit nicht viel Geld ein.

Auch die bei der Promotion erzielte Note entspricht weitestgehend dem Wohlwollen des Doktorvaters. Es gibt „summa cum laude – mit höchstem Lob“, „cum laude – mit Lob“  und „rite – genügend“ (bösartige Zungen sagen „zum Bedauern der Fakultät“).

Teilweise anders verläuft der Erwerb des Doktortitels im technischen Berufsbereich. Die Promotion erfolgt dort im engen Zusammenhang mit der praktischen Berufsausübung innerhalb eines Betriebs. Dadurch werden sowohl die Profitsucht als auch die Gottähnlichkeit des Doktorvaters eingeschränkt als auch eine größere Garantie für die eigenständige Leistung des Doktoranden gegeben.

In der DDR ist die Erlangung akademischer Grade weitgehend der Praxis des verbündeten östlichen Auslands angepasst worden. Danach war der erste akademische Grad das Diplom, und erst danach gab es die Promotion A, mit der man den Doktorgrad erlangte. Das Diplom entsprach im Wesentlichen unserer Doktorprüfung, führte aber im Ergebnis besonders bei Ärzten zu einem Imageverlust in den Augen der Bürger, weil man fälschlich glaubte, von einem Doktor besser behandelt zu werden als von einem Diplommediziner (Dipl.-Med.). Andererseits wurde indirekt der Doktorgrad im Verhältnis zu früher aufgewertet. Natürlich wird sein wahrer Wert bestimmt durch den Inhalt. Es macht einen Unterschied, ob die Promotion eine technische Neuerung zum Gegenstand hat oder ein Gebiet des Marxismus-Leninismus.

Der Handel mit Adelsprädikaten, Ehrentiteln und akademischen Graden ist seit Jahrzehnten ein lukratives Geschäft. Das schier endlose Angebot solcher „Titelmühlen“ im Internet bezeugt indirekt einen hohen Bedarf an Namenskosmetik  Durch Titelkauf erworbene Grade dürfen in keinem Fall geführt werden, sie unterfallen der Strafbarkeit des § 132a StGB. Doch wer prüft die Berechtigung im Einzelfall nach?

Von allen akademischen Graden kann nur der „Doktor“ in abgekürzter Form (Dr.) in den Ausweis eingetragen werden. Kennt man die Person nicht näher, so entspricht es (noch) der Etikette, sie mit dem akademischen Grad oder aber mit ihrem verliehenen Titel, aber ohne Namensnennung, anzureden, also „Herr Doktor“ oder „Herr Professor“. Die Anrede in der weiblichen Version ist trotz aller Emanzipation nicht üblich, also „Frau Doktor“. Im Bekanntenkreis, auch wenn man sich siezt, erscheint es eher lächerlich. In meiner Jugendzeit wirkte das dürre, bebrillte „Fräulein Doktor“ auf Männer nicht gerade anziehend und war häufig Gegenstand hämischer Karikaturen.

Im deutschsprachigen Bereich stehen akademische Grade vor, im angelsächsischen hinter dem Namen. Immer häufiger liest man vor allem bei Rechtsanwälten oder in der freien Wirtschaft hinter dem Namen die Buchstaben LL.M. Es ist die Abkürzung des lateinischen „legum magister“, wörtlich übersetzt „Meister der Gesetze“. Ursprünglich nur in den englischsprachigen Ländern als „Master of Law“ zu Hause, hat sich dieses Namensanhängsel inzwischen globalisiert und wird von praktisch allen Hochschulen Europas einschließlich der deutschen, Amerikas, Afrikas, Australiens und Neuseelands angeboten, im Allgemeinen für ausländische Bewerber. Die Voraussetzungen für den legalen (!) Erwerb reichen von einem leichten Studium bis hin zum „Fernstudium“ irgendwo in der Südsee, bei dem nicht einmal die körperliche Anwesenheit gefragt ist. Hauptsache, es wird bezahlt. Die relativ anspruchsvolle Frankfurter Viadrina verlangt für ein solches „Aufbaustudium“ zwei Semester mit insgesamt 24 Semesterwochenstunden, verteilt auf beide Semester. Beim „großen Haufen“ mögen die Buchstaben LL.M. noch die Faszination des Exotischen ausüben, dem Eingeweihten ringen sie nur ein mitleidiges Lächeln ab, und wer wirklich etwas zu bieten hat, wird damit sicher nicht herumlaufen..

Nicht so häufig wie der „Doktor“, dafür aber umso begehrter, ist der „Professor“. Letzterer ist in Deutschland weder ein akademischer Grad noch ein Titel, sondern eine „Amtsbezeichnung“, die wie bei jedem Beamten in der Öffentlichkeit geführt werden kann und erheblichen Eindruck macht. Der hauptberufliche und nicht schlecht besoldete Lehrstuhlinhaber an einer Universität muss schon über ein den Durchschnitt übersteigendes Fachwissen verfügen, das er an die Studenten weiter vermitteln soll. Ein „Honorarprofessor“ dagegen erhält kein Gehalt. „Honorar“ bedeutet hier nicht, wie man vermuten könnte, Geld, sondern „Ehre“. Der Honorarprofessor ist an der Hochschule nur in sehr geringem Umfange nebenberuflich tätig. Trotzdem führt er die Bezeichnung ohne besonderen Zusatz, anders als zum Beispiel der Ehrendoktor (Dr. h.c.), bei dem es sich um eine insbesondere an ausländische Politiker verliehene Würde, einen Höflichkeitsakt, handelt. Honorarprofessuren erfreuen sich einer enormen und ständig zunehmenden Attraktivität in höheren Kreisen von Wirtschaft, Behörden und Politik mit geradezu inflationärer Tendenz. Sie befriedigen nicht nur die Eitelkeit des Geehrten, sondern füllen auch dessen Geldbeutel. Der Honorarprofessor kann wie ein „ordentlicher“ Lehrstuhlinhaber Doktoren erschaffen (siehe oben). Als Namensgeber einer Anwaltskanzlei oder im Briefkopf eines Wirtschaftsunternehmens lässt der „Professor“ eine besondere Fachkompetenz vermuten, die natürlich honoriert werden muss, dieses Mal mit Barem. Ausgediente Politiker ziehen daher eine Ehrenprofessur bei weitem dem Bundesverdienstkreuz vor, verschmähen dieses aber auch nicht.

Unter einem „Snob“ versteht man eine Person, die offensiv ihre tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche Überlegenheit zur Schau stellt. Ein probates Mittel hierzu sind Orden, Titel und Ehrenzeichen, eben die von Schopenhauer so genannten „simulirten Werthe“. Als besonders werbewirksam gilt heute eine Art von verfeinertem Snobismus. Der dekorierte Mensch belässt seinen Namen äußerlich nackt, simuliert Bescheidenheit, lässt aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit ganz zufällig durchblicken, dass er in Wirklichkeit doch etwas Besseres ist. Wohl die wenigsten der dekorierten Zeitgenossen werden sich der Einsicht von Goethes Doktor Faust anschließen, wenn er monologisiert:
Habe nun ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh´ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr´
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.

Wozu gibt es denn nun mal die vielen klangvollen Titel?


Täglich erleben wir den respektlosen Umgang mit nahezu allem, was den Menschen einmal hoch und heilig war. Tatsächliche oder scheinbare Verdienste finden seit jeher ihre materiell ausgedrückte Anerkennung in Orden und Medaillen. Zu den vom neudeutschen Zeitgeist auf den Müllhaufen geworfenen Werten zählte lange das Wort „Tapferkeit“, eine Tugend, die in allen Armeen der Welt mit Ausnahme der deutschen die Uniformen der Tapferen ziert. Bei unserer Bundeswehr gab es bisher nur ein sowohl nach seinem Gehalt wie auch nach dem Erscheinungsbild eher mickriges „Ehrenkreuz“, das keinen Unterschied macht zwischen Kampf- und Schreibstubeneinsatz, das man sich also auch ersitzen kann. Seit immer mehr Soldaten sterben, nimmt man nun einen Wandel im Sprachgebrauch wahr,  Unsere Soldaten dürfen wieder „fallen“, und sie sind auch „tapfer“, wenn sie uns am Hindukusch verteidigen. Nach langen Debatten überwanden unsere Politiker ihre notorische Abneigung gegen die Verherrlichung von Krieg und Gewalt. Eine für die Bundeswehr neu geschaffene Auszeichnung, das „Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit“ honoriert nun auch die Tapferkeit vor dem Feind, wirkt aber immer noch blechern. Trotzdem, in den Gesichtern derer, die lebend dekoriert werden – der Orden kann nämlich auch posthum verliehen werden -  liegt  wie eh und je ein geradezu überirdischer Ausdruck von Stolz und Glückseligkeit.

Immer hartnäckiger, jedoch bisher erfolglos, erschallen die Rufe nach der Wiedereinführung des guten, alten Eisernen Kreuzes, das der Zentralrat der Juden bisher ebenso hartnäckig, jedoch erfolgreich, verhindert hat. Ob aus Eisen oder aus Blech, ob als Kreuz oder rund oder oval, jeder Uniformträger wirkt nackt ohne Orden und Lametta.

Auch das Bundesverdienstkreuz kann im Bereich der Bundeswehr verliehen werden. Das will aber dort keiner. Aus verständlichen Gründen. Es wird nämlich eher verteilt als verliehen „für besondere Leistungen auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, geistigem und ehrenamtlichen Gebiet. Eine Zeitlang gab es auch ein Verdienstkreuz für Arbeiter und Angestellte, die 50 Jahre lang für denselben Dienstherrn gearbeitet hatten (so genannter „Deppenorden“). Bei der Ausgabe muss eine Quote von Frauen und Ausländern berücksichtigt werden. Pro Legislaturperiode werden 30 Orden unabhängig von tatsächlichen Verdiensten für Abgeordnete des Bundestags entsprechend der Fraktionsstärken reserviert. Bei einigen hohen beamteten Personen kommt es zur automatischen Verleihung anlässlich deren Ausscheidens aus dem Amt. Das Verdienstkreuz ist seit Bestehen der Bundesrepublik in unterschiedlichen Versionen für Herren und Damen rund 250.000 mal verliehen bzw. verteilt worden.

Trotzdem war die DDR auf diesem Gebiet nicht zu schlagen. In einem Pappkarton habe ich nach der Wende mehrere Kilo Blech gesammelt in Form von Auszeichnungen, die zu DDR-Zeiten bei allen möglichen Gelegenheiten, oft mit einer Geldprämie versehen, ausgegeben wurden. Sicher waren viele davon die Belohnung für eine besondere Leistung. Umso verwunderlicher erschien es mir, wie leicht sich die Menschen damals von ihnen trennten, sie für ein paar Pfennige (jetzt natürlich „West“) an einen Trödler verkauften oder einfach entsorgten. Regelrecht peinlich war mir das Angebot eines ehemaligen NVA-Offiziers, der seinen Ehrendolch unbedingt los werden wollte, weil seine Freundin sich für ein Gebrauchtfahrzeug interessierte. Wenn ich ihn nicht wollte, würde er ihn in Berlin auf dem Trödelmarkt verhökern, da bekäme er vielleicht 50 Mark. Zur Rettung der Ehre zahlte ich das Fünffache. Und doch beschleicht mich ein schlechtes Gewissen jedes Mal, wenn ich ihn entehrt in der Kiste sehe.

Fast zeitgleich mit meinem Vater wurde auf dem Kölner Nordfriedhof eine Persönlichkeit beerdigt, deren gesellschaftlicher Glanz auch nach dem Tod weiter bestehen sollte in Form eines pompösen Grabsteins mit einer titelstrotzenden Inschrift. Aber gerade diese Absicht ließ  im Laufe der Jahre die Verwahrlosung besonders deutlich in Erscheinung treten. Bei meinem letzten Besuch musste ich nach dem überwucherten Grab suchen, der Stein  war kaum noch auszumachen. Sic transit gloria mundi, so vergeht der Ruhm der Welt – und mit ihm alle „simulirten Werthe“.

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