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Ruppert meint Nr.3

Datum: 01.02.2011
Rubrik: Kolumne

Kolumne Februar 2011   


Ruppert meint...Nr.3 „Volkseigentum"

Vor einiger Zeit nutzte ein jüngerer französischer Kollege seinen Aufenthalt in Berlin für einen kurzen Abstecher zu mir nach Eisenhüttenstadt. Wie man es bei der französischen Oberschicht auch heute noch häufig antrifft, sprach er recht gut deutsch, interessierte sich für die deutschen Verhältnisse und genoss seinen Aufenthalt sichtlich. Bisher hatte er nur den westlichen Teil kennen gelernt. Eisenhüttenstadt war für ihn ein neues Erlebnis. Unter anderem kamen wir ins Gespräch über die bei uns schon viel weiter als in Frankreich  fortgeschrittene Privatisierung von bisher staatlichen Einrichtungen. Dabei konnte er aus eigener Erfahrung Vergleiche ziehen auch zu den Verhältnissen in Großbritannien. Dort hatte schon während der Regierung von Margaret Thatcher (1979 bis 1990) eine große Welle von Privatisierungen unter anderem im Verkehrsbereich, Energiebereich, bei der Post und Telekommunikation, der Trinkwasserversorgung und der Medizin stattgefunden. Der Kollege zeigte sich entsetzt über die dadurch entstandenen gelegentlich chaotischen Verhältnisse. Nach einigen schweren Unfällen infolge mangelhafter Wartung ist in England der Betrieb der Bahnhöfe und des Schienennetzes inzwischen wieder verstaatlicht worden. Umso weniger verstand er die entsprechenden Tendenzen in Deutschland, wo er gerade negative Erfahrungen mit der Bahn gemacht hatte. Bisher glaubte er, die Deutschen wollten am liebsten vertrauensvoll in einem von der Disziplin seiner Bürger getragenen, mit Recht und Ordnung funktionierenden Staat leben. Eine leider überholte Vorstellung, um die man uns im Ausland noch häufig beneidet. Auf Grund seiner Erfahrungen, so meinte mein Bekannter, werde er sich mit allen Kräften gegen die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen stemmen. Mit ihm meint das auch die Mehrzahl der Franzosen, die, wenn nötig, auf die Straße gehen. Nicht so die Deutschen, mit denen die Politiker nach Belieben herummerkeln können. Erfreuliche Ausnahme, doch an der falschen Stelle, ist Stuttgart 21.


Was versteht man nun unter „Privatisierung"? Auf eine kurze Formel gebracht, bedeutet es die Überführung (z.B. durch Verkauf) öffentlichen Vermögens oder auch die Übertragung bisher staatlicher Aufgaben in den privaten Sektor der Volkswirtschaft. Dem Bürger wird das schmackhaft gemacht durch das Ideal vom „schlanken Staat". Den gab es in der Vergangenheit  bis zum Beginn des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert. Er bestand aus den fünf klassischen Ministerien: Inneres (Sicherheit), Äußeres (Auswärtige Beziehungen), Finanz (Steuern), Krieg (heute Verteidigung) und Justiz. Dieser Staat betrieb keine eigene Wirtschaft, es fehlte vor allem der gesamte Kultur-, Sozial- und Bildungsbereich. Dafür sorgten private Einrichtungen, allen voran die Kirche. Bis heute ist allein die Zahl der Bundesministerien auf 14 angewachsen.

 

Die im 19. Jahrhundert plötzlich einsetzende Entwicklung von Industrie und Wirtschaft, verbunden mit rasant ansteigenden Bevölkerungszahlen, schuf in allen Lebensbereichen, vor allem auf dem sozialen Sektor, bisher nicht gekannte Probleme. Sie konnten nur von der Gesellschaft, vertreten durch den Staat, in Angriff genommen werden. Deutschland leistete hier Pionierarbeit. Wenn es damals auch gelegentlich krachte, zum Beispiel, als der Staat die Kirche entmachtete, so führte doch die Bismarcksche Sozialgesetzgebung zu einem Stand, den manche, auch moderne Staaten bis heute noch nicht erreicht haben. Die frühzeitige Verstaatlichung des Bildungssystems brachte Deutschland zur Weltspitze. Der Staat legte seine Hand auf fast die gesamte Infrastruktur, Post, Eisenbahn, Straßenwesen usw. Das garantierte einen sicheren Fortschritt und vermied unterschiedliche Entwicklungen, die, wie bei den anfangs privaten Eisenbahnen, häufig zu Chaos und Pleite führten. Im Gegensatz zu privaten Unternehmern konnte sich der Staat auch Einrichtungen zugunsten der Allgemeinheit leisten, die nicht nur gewinnorientiert waren. So wuchs er im Laufe der Jahrzehnte mit immer mehr Aufgaben zu einem Koloss heran. Im Dritten Reich betrieb er auch eigene große Wirtschaftsbetriebe, z.B. das Volkswagenwerk, damals „Gezuvor mbH" in Wolfsburg, die Reichswerke „Hermann Göring" in Salzgitter usw. Durch die Teilung Deutschlands nach dem Krieg und die Schaffung der DDR erreichte die Allmacht des Staates schließlich im Osten Deutschlands ihren absoluten Höhepunkt. Mit wenigen unbedeutenden Ausnahmen (z.B. den Kirchen) waren alle Lebensbereiche im nunmehr sozialistischen Staat integriert. Ob dieses Experiment unter günstigeren außenpolitischen  Bedingungen, vor allem mit fähigeren Leuten, Erfolg gehabt hätte, bleibt der Spekulation überlassen. Ich selbst halte es bei näherer Betrachtung unserer gegenwärtigen Entwicklung nicht für ausgeschlossen.  Aus Fehlern kann man ja auch lernen. In China jedenfalls scheint es zu funktionieren.

Nach Kriegsende im Zuge des Wiederaufbaus begann die Bundesrepublik mit der Abstoßung von Wirtschaftsunternehmen, vorwiegend durch deren Verkauf. Das geschah aus zwei verschiedenen Gründen. Staatlich geführte Wirtschaftsunternehmen passen ideologisch nicht zum Wesen einer Demokratie westlicher Prägung mit dem Prinzip der Freien Marktwirtschaft. Außerdem spülte der Verkauf von Staatseigentum Geld in die bekanntlich immer klammen Kassen. Der Prozess ist bis heute noch nicht abgeschlossen und breitet sich, wie wir noch sehen werden, immer weiter in die unteren Bereiche unseres Gemeinwesens aus.
Schon längst sind die Autobahnen im Visier der Privatisierer. Sie würden dann gebührenpflichtig. Noch aber ist die Zeit dafür nicht reif,
Zur besseren Veranschaulichung sollen zwei markante, ja spektakuläre Beispiele dienen, eines aus der älteren und eines aus der jüngeren Vergangenheit. Das eine Unternehmen ist wie viele gleichartige seiner Art rein wirtschaftlich auf Gewinn orientiert, das andere enthält darüber hinaus gesellschaftspolitische Akzente.

Im Jahre 1960 wurde per Gesetz das dem Land Niedersachsen gehörende, wieder aufgebaute Volkswagenwerk GmbH  privatisiert und in eine Aktengesellschaft umgewandelt, die heutige Volkswagen AG. Jedermann konnte die frisch gedruckten Aktien zu je 100.- Mark erwerben, allerdings nur in begrenzter Stückzahl; denn die Nachfrage überstieg das Angebot. Volkswagen hatte eben einen guten Namen. Für geringer verdienende Bundesbürger gab es die „Volksaktie" sogar mit einem Sozialrabatt. Ich habe meinen ersten „Effekten-Kauf" über nominal 200.- DM VW-Aktien bis heute verwahrt. Damals kosteten mich die beiden Aktien mit 20 % Sozialrabatt 565,88 DM, heute beläuft sich ihr Wert auf ein Vielfaches davon. Dank Konjunktur und geschickter Leitung entwickelte sich das Volkswagenwerk zu dem, was es heute ist, Weltspitze. Übrigens verblieben damals 20,2 Prozent der Aktien mit einer „Sperrminorität" beim Land Niedersachsen. Dem Staat war dadurch ein Vetorecht in allen wichtigen Entscheidungen eingeräumt. So konnte das Werk zum Beispiel nicht verlegt werden. Diese Klausel ist vor Kurzem als nicht mit dem Europarecht vereinbar erklärt worden.

Zweites Beispiel. Im Jahre 1989 wurde durch das Poststrukturgesetz die Privatisierung der Bundespost vorbereitet. Der Staatsbetrieb Bundespost wurde aufgeteilt in die Deutsche Post AG, die Deutsche Telekom AG und die Deutsche Postbank AG. Das Privatisierungsverfahren dauerte mehrere Jahre. Die Mehrzahl der Aktien ist im Besitz größerer Bankengruppen. Ein jeder von uns hat miterlebt, wie die auf gewinnorientierten Maßstäben beruhenden Leistungen des eigentlichen Postbetriebs immer weiter abgebaut wurden: Stattdessen Preiserhöhungen, „Briefkastenoptimierung", Schließung eigener Filialen und Verlegung der Postdienste in Einzelhandelsgeschäfte, schleichende Entpersonalisierung, Zwang an Automaten. Entsprechendes, vielleicht noch Schlimmeres, erleben wir gerade bei der Bahn.


Interessant an der Postreform ist vor allem die Privatisierung der Deutschen Telekom AG. Ihre „T-Aktien" wurden in drei Börsengängen verkauft. Eine riesige Kampagne benutzte unter anderem den beliebten Schauspieler Manfred Krug (Liebling Kreuzberg) als Werbe-Ikone. Selbst Menschen, die zuvor noch nie etwas mit Aktien zu tun hatten und nach einer sicheren Geldanlage suchten, kauften mit ihren Ersparnissen das als „Volksaktie" angepriesene Papier. Sicher spielte dabei auch der noch nachwirkende legendäre Ruf der VW-Volksaktie eine Rolle. Die erste Tranche (frz. „Scheibe", im Finanzjargon Teil eines Ausgabebetrags) verkaufte sich wie warme Brötchen zu einem Ausgabekurs von 14,57 €. Ermutigt durch den unerwarteten Erfolg, erhöhte man den Emissions(Ausgabe-)kurs auf 39,50 €. Im Jahre 2000 verkaufte der Bund über die staatseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau  200 Millionen T-Aktien zum Preis von 66,50 €. Allein aus diesem dritten Börsengang flossen rund 13 Milliarden Euro in die Staatskasse. Der Kurs an der Börse stieg weiter. Wer  auf dem Finanzmarkt noch T-Aktien kaufen wollte, musste dafür schließlich 100.- € zahlen. Doch der Krach ließ nicht lange auf sich warten. Vermutlich war der Börsenwert des Unternehmens von vornherein zu hoch angesetzt worden, eine geschickte Werbung hatte das Übrige getan. Hinzu kamen fehlerhafte Unternehmensstrategien und Fehlspekulationen der neuen Herren, wodurch die T-Aktie am 30. September 2002 auf ihren historischen Tiefstand von 8,42 € fiel. Wer seine Ersparnisse in T-Aktien angelegt oder sich gar eine sichere Altersversorgung erhofft hatte, war den größten Teil seines Geldes los. Zur Zeit, Ende Januar 2011, dümpelt die Aktie bei 9,60 €, Tendenz gleichbleibend.

 

Post und Bahn waren in ihrer traditionellen Form für den Staat schon immer unrentabel gewesen. Nach ihrem Verkauf werden sie nun als Privatunternehmen ganz einfach auf Rentabilität getrimmt, in erster Linie durch Personalabbau. Die schon jetzt erkennbaren verheerenden Folgen für den Bahnverkehr bedürfen keines Kommentars. Kostenintensiv sind aber auch die Polizei, die Justiz, das Bildungswesen und insbesondere alle sozialen Bereiche. Private Sicherheitsdienste nehmen in dem Maße zu, wie die Polizei ihre Aufgaben nicht mehr erfüllt. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen, um sie vor dem Pisa-Syndrom zu bewahren. Im Justizbereich laufen gegenwärtig Projekte zur Privatisierung des Gerichtsvollzieherwesens. Und wozu zahlen wir Steuern? Die vom Staat durch den Ausverkauf erzielten Milliardenerlöse oder die Einsparungen durch das Abstoßen unrentabler Aufgabenbereiche sind schon längst wieder verbraten. Dass der mit der Privatisierung angeblich angestrebte „schlanke Staat" nur ein Vorwand ist, sich kostenträchtiger Aufgaben zu entledigen, zeigte Ende des vergangenen Jahres der einmütige Beschluss der Ministerpräsidenten aller Bundesländer, am staatlichen Lotteriemonopol (!) festzuhalten.

Das waren nur einige Beispiele aus der „hohen" Politik. Auf den nachgeordneten Ebenen verläuft die Privatisierung schleichend und weniger auffällig. Nicht selten verschafft sie bestimmten Polit- und Wirtschaftskreisen direkte oder indirekte Vorteile. Dabei wird das Wort „Korruption" sorgfältig vermieden.


Ich meine damit nicht die zahlreichen Fälle der Veruntreuung von Staatseigentum durch einzelne Personen. Nur ein Beispiel von vielen. Jüngst sorgte der frühere brandenburgische Finanzminister Speer für Schlagzeilen. Er soll auf Grund privater Beziehungen den Verkauf eines landeseigenen Grundstücks zu einem weit unter dem wirklichen Wert liegenden Preis begünstigt haben. So etwas hat es seit jeher gegeben, nur werden die Fälle immer häufiger und erregen kaum noch Aufsehen. Weit überwiegend liegen sie im kommunalen Bereich. Man ist daran gewöhnt, dass Politik den Charakter verdirbt. Das Meiste kommt ohnehin nicht an den Tag, so lange nicht eine Krähe der anderen ein Auge aushackt. Nach einigem Anstandszögern nimmt der Politiker seinen Hut und macht Platz für den nächsten. Schlimmstenfalls wird ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, und die Angelegenheit verläuft im Sande.

Von der Sache her ist nichts dagegen einzuwenden, wenn staatlicher Kulturbesitz auf eigens für dessen Verwaltung gegründete Stiftungen übergeht. Durch eine Stiftung führt man ein Vermögen einem bestimmten, meist gemeinnützigen, Zweck zu. Die Mehrzahl der Stiftungen wird in privatrechtlicher Form errichtet, es gibt aber auch solche des öffentlichen Rechts. Zu den letzteren zählen zum Beispiel alle diejenigen, die das kulturelle Erbe der 1918 abgeschafften preußischen Monarchie verwalten. Im günstigen Falle bestehen der Vorstand und die Organe der Stiftung nicht aus abgedankten Politikern, sondern echten Sachkennern.
Allerdings dürfen die Verantwortlichen nicht den Blick dafür verlieren, dass es sich bei den ihnen anvertrauten Gütern um Eigentum des ganzen Volkes handelt, dem gegenüber sie verpflichtet sind. So hatte im Jahre 2009 das Brandenburgische Oberlandesgericht über eine Klage gegen die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zu entscheiden. Die Stiftung verlangte eine Gebühr für die kommerzielle Verwertung von Fotografien ihrer Bauwerke, zum Beispiel des Schlosses Sanssouci. Die Klage wurde abgewiesen. Ich fand das gut so. Im Dezember 2010 jedoch erklärte der Bundesgerichtshof in letzter Instanz die Forderung der Stiftung für rechtens. Wie lange wird es nun dauern, bis das Stift Neuzelle für die fotografische Wiedergabe der Klosterkirche in Broschüren oder auf Postkarten Geld verlangt?

Im Unterschied zum Verein hat eine rechtsfähige Stiftung keine Mitglieder und unterliegt der staatlichen Stiftungsaufsicht. Mit der Wiedervereinigung zerfielen schlagartig die gesellschaftlichen Strukturen der DDR. Interessengemeinschaften zum Beispiel der Kleingärtner, Angler, Jäger, Tierzüchter usw. formierten sich in der Rechtsform von Vereinen, auf die, wie gesagt, der Staat keine Aufsicht ausübt. Der vom direkten Einfluss des Staates losgelöste Sozialbereich wurde nach der Wende übernommen von privaten, meist westlichen Institutionen, der Arbeiterwohlfahrt (AWO), dem Arbeiter-Samariterbund (ASB), kirchlichen Einrichtungen wie der Caritas und der Diakonie, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband usw. Die altbewährte Volkssolidarität überlebte ebenfalls im neuen Gewand als privater Verein.

Das Bestreben der meisten dieser Vereine ist ihre Anerkennung als „gemeinnützig". Dies bedeutet nicht nur Steuerfreiheit, sondern je nach Zweckrichtung auch die Möglichkeit, Fördergelder zu ergattern. Als gemeinnützig wird eine Tätigkeit bezeichnet, die darauf abzielt, das allgemeine Wohl zu fördern. Traditionell gefördert durch Leistungen aus Steuergeldern werden unter anderem Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur, der Sport.und natürlich das Sozialwesen. Die Anerkennung der Gemeinnützigkeit erfolgt, nach meiner Erfahrung recht großzügig, durch das zuständige Finanzamt.

In dieses Vereinsgekungel konnte ich Dank meiner früheren Tätigkeit als Richter schon im Westen ziemlich tief einblicken. Ein typisches Beispiel von vielen: Der aus steinreichen Mitgliedern bestehende Tennisclub „Elite" versieht sich mit einer Jugendabteilung, erlangt so den Status der Gemeinnützigkeit und kassiert in der Folge staatliche Gelder zur Jugendförderung. Nach einigen negativen Erfahrungen leitete ich die dem Gericht manchmal zur Verfügung stehenden „Bußgelder" grundsätzlich nur noch dorthin, wo ich mich zuvor von der sinnvollen und ordnungsgemäßen Verwendung überzeugt hatte.

In den ersten Jahren nach der Wende gab es am hiesigen Amtsgericht das später nach Frankfurt verlegte Vereinsregister. Jedes Mal, wenn der gut funktionierende Buschfunk die bevorstehende Vergabe von staatlichen Fördermitteln erfahren hatte, verzeichneten wir einen Ansturm zur Neuanmeldung von gemeinnützigen Vereinen, die wie die Pilze aus dem Boden schossen und denen es nicht schnell genug ging. Gemeinsam mit den bereits vorhandenen Fördermittel-Anwärtern spannten sie ihren Schirm auf, kehrten ihn um und fingen damit möglichst viel von dem herabrauschenden Geldregen auf. Die wenigsten von ihnen überlebten die anschließende Periode der Trockenheit.


Seit einiger Zeit haben Privatanleger, die um die Stabilität der Währung fürchten,  den Wald als Geldanlage entdeckt. Im Westen ist das Angebot praktisch erschöpft. Doch auch im Osten, wo Wälder noch billiger sind, hat es seit 2007 einen Preisschub von fast 50 % gegeben. Angebot ist da. Große Teile der ehemaligen DDR-Staatswälder sollen  privatisiert werden. Schon jetzt vernimmt man, dass das Land Brandenburg sein im Forstbetrieb beschäftigtes Personal drastisch reduziert. Bald wird es auch hier vorbei sein mit den weiten, naturbelassenen, manchmal urtümlich wirkenden Waldungen, die mich bei meiner Ankunft vor 20 Jahren so beeindruckt haben, in denen ich mich frei fühlte, so als gehörten sie uns allen, und damit auch mir selbst. Bald wird es sein wie im Westen, wo jeder Quadratmeter parzelliert und, soweit möglich, eingezäunt  ist. Ich denke dabei an die vielen kostenpflichtigen Hindernisse, die es zu überwinden gilt, um an die Rügener Kreidefelsen zu gelangen, an die unzähligen Seen, die diesem Vorbild bald folgen werden, wie den eingezäunten Schervenzsee, an die Streitereien um den Zugang zum Ufer des Griebnitzsees, um nur einige Beispiele zu nennen. Auflagen zugunsten der Allgemeinheit können nicht mein Gefühl beseitigen, in Wirklichkeit nur geduldet zu sein.

Gleiches gilt, wenn man, wie es häufig geschieht, das Eigentum an der Natur einigen politisch und/oder wirtschaftlich einflussreichen Personen oder Interessengruppen überlässt, die als  gemeinnützige Vereine firmieren. Nur zu leicht erliegen sie der sehr menschlichen Versuchung, sachliche Belange mit eigenen Interessen zu kombinieren. Aufschlussreich war im Jahre 2004 ein Verfahren vor dem hiesigen Amtsgericht gegen die Führungsspitze eines dieser Veine, der sich die anspruchsvolle Bezeichnung „Landschaftspflegeverband Naturpark Schlaubetal/Gubener Heide/Oder-Neiße" zugelegt hatte. Er gebietet praktisch über die ganze Henzendorfer Heide und kauft ständig neue Ländereien hinzu, natürlich mit Fördermitteln, die ihm dank persönlicher Beziehungen zu den staatlichen Vergabestellen reichlich zufließen. In dem Gerichtsverfahren, an das sich manche noch erinnern werden und in dem immer mehr bekannte und prominente Namen auftauchten, ging es um den Vorwurf der Veruntreuung von eben diesen Fördermitteln. Als sich die Ermittlungen zunehmend in höhere Regionen unserer Verwaltungshierarchie erstreckten, wurde das Verfahren nach mehrjährigem Hinschleppen und mehrfachem Richterwechsel auf Grund eines kurzen „Rechtsgesprächs" von 20 Minuten beendet. Ich hatte seinerzeit als Prozessbeobachter des Oder-Spree-Fernsehens regelmäßig darüber berichtet und kann mich noch gut an den saftigen Meineid eines höheren Ministerialbeamten erinnern. Märkische Heide, märkischer Sand...

Die Überschrift dieser Kolumne lautet „Volkseigentum" und steht in Gänsefüßchen. „Volkseigentum" als juristisch fassbare Größe war eine spezifische Eigenart sozialistischer Rechtsordnungen, so auch der DDR. Es ist vor allem in seiner Zweckbestimmung zu unterscheiden vom herkömmlichen Eigentumsbegriff. Zur Verdeutlichung muss ich kurz zurückgreifen auf die Lehren des kommunistischen „Fundamentalismus".


Die Erde hat eine begrenzte Oberfläche. Auf dieser lebt eine stetig wachsenden Bevölkerungszahl. Wenn nun ein kleiner Teil dieser Menschen sich Teile der Erde aneignen und weiter vererben kann, kommt der große Rest, kommen insbesondere die Nachgeborenen, nie zu eigenem Besitz. Der Besitzende kann dem Nichtbesitzenden willkürlich seinen Willen aufzwingen. Das ist sozial ungerecht.

Ähnliches gilt für bewegliche Sachen, soweit es sich um Produktionsmittel handelt. Besonders seit Beginn der Industrialisierung kann derjenige, dem die Produktionsmittel gehören, zum Beispiel die Fabriken und Maschinen, andere Menschen, die auf Arbeit angewiesen sind, nach Belieben ausbeuten. Auch das ist sozial ungerecht.

Die Lösung liegt darin, dass man Privateigentum nur insoweit zulässt, als es nicht zur Unterwerfung oder Ausbeutung anderer Menschen missbraucht werden kann. Im Übrigen verfügt darüber die Allgemeinheit, das Volk. Volkseigentum wird nicht unbedingt vom Staat selbst genutzt, sondern kann durch die Verleihung von zum Teil weitgehenden Nutzungsrechten an Bürger und Betriebe einer gesetzlich geregelten Fremdbewirtschaftung zugeführt werden. In diesem Rahmen kann und soll der Nutzungsberechtigte durchaus eigene Initiative entwickeln. Man könnte diese Situation in etwa vergleichen mit dem mittelalterlichen Lehen, wobei natürlich jeder Vergleich hinkt.


So etwa lassen sich Sinn und Zweck des Volkseigentums in der früheren DDR erklären.
Der auf sozialistischem Verständnis beruhende „dichotomische" (zweigeteilte) Eigentumsbegriff ist unserem herkömmlichen Rechtssystem fremd. Dass er in einer Demokratie, die den Namen verdient, viele anstehende Probleme lösen könnte, liegt auf der Hand. Doch ist es müßig, über Vorzüge und Nachteile im luftleeren Raum zu diskutieren. Denn das spezifische Volkseigentum der DDR ist gleich nach der Wende  in mehreren Schritten zurückgeführt worden auf normales Privateigentum. Dies gilt auch für das  öffentliche Eigentum an Unternehmen, Wäldern, Stränden, Meeren, Straßen, Schulen, Krankenhäusern usw. Der Staat kann sie privatisieren, unter anderem durch Verkauf. Wie wir gesehen haben und täglich von neuem erleben, ist der Ausverkauf in vollem Gange.
SALE heißt das neuerdings.



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