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Integration

Ruppert meint...Nr.2

Datum: 01.01.2011
Rubrik: Kolumne

Ruppert meint…Nr.2  Integration

Das Wort ist lateinischen Ursprungs und lautet übersetzt „Wiederherstellung“. Bei uns bedeutet es so viel wie „Einfügen in ein Ganzes“. Schöner und auch anschaulicher wäre die deutsche Bezeichnung „eingliedern“. Stellen Sie sich eine in Reih´ und Glied aufgestellte Fußballmannschaft vor. Einer der Spieler ist schwarz. Er hat dieselbe Aufgabe und dasselbe Ziel wie seine Mitspieler. Er ist in die Mannschaft „eingegliedert“. Hört sich jedenfalls menschlicher an als „Er ist in das Team integriert“. Gleiches gilt für die „Migranten“. „Migrare“ heißt „wandern“. Ein Immigrant ist ein Einwanderer, ein Emigrant ein Auswanderer.

Die eigentliche Ursache für die Überschwemmung letztlich ganz Europas mit Angehörigen anderer Kontinente liegt teilweise mehrere Jahrhunderte zurück. Es ist die historische Erblast des Imperialismus, die Folge kolonialer Ausbeutung, verbunden mit der willkürlichen Zerstückelung weiter Gebiete unter machtpolitischen Gesichtspunkten. Als schließlich die betroffenen Länder in eine oft nur scheinbare Unabhängigkeit entlassen werden mussten, waren viele von ihnen politisch und wirtschaftlich nicht darauf vorbereitet. Die meisten versanken in Chaos, Korruption und Armut. Nicht nur einige der alten Kolonialmächte, sondern vor allem die USA nutzten die Instabilität und kamen durch eine Hintertür zurück. Die meisten dieser so genannten Entwicklungsländer sind von Hause aus reich, können aber ihre Schätze nicht nutzen und werden mit verfeinerten Methoden weiter ausgeplündert. Übrigens bildet Deutschland dieses Mal eine rühmliche Ausnahme. Das Kaiserreich hat in seine Kolonien wesentlich mehr investiert, als es bis zu deren Verlust im 1.Weltkrieg herausholen konnte. Nur eine ehrlich gemeinte Hilfe zur Schaffung stabiler Verhältnisse und eine faire Wirtschaftspolitik könnten den Strom der überwiegend wirtschaftlich motivierten Flüchtlinge nachhaltig aufhalten. Stattdessen vernichten die USA unter Mithilfe ihrer Satelliten, darunter leider auch Deutschland, weiterhin gewachsene Strukturen in der ganzen Welt. Im Blickfeld steht gegenwärtig der Vordere Orient, namentlich Afghanistan und der Irak

Die Integration von inzwischen 15% fremden Mitbürgern in der Bundesrepublik ist nicht zum ersten Mal in den Brennpunkt des innenpolitischen Geschehens gelangt. In unregelmäßigen Zeitabständen findet sich immer wieder ein Auslöser zur erneuten Diskussion. Dieses Mal ist es das Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. Dann wird regelmäßig das anfangs unhandlich-kantige Problem so lange im Mahlsand der Medien gewälzt, bis es rund genug ist, um wie eine Billardkugel im Loch zu verschwinden. Anschaulich ist auch der Vergleich mit dem Stein, der in ein ruhig-glattes Gewässer geworfen wird und dort kreisförmige Wellen zieht, die langsam verebben. Oder der Gong, der die Menschen aufschreckt, bis er langsam verhallt.

Einen interessanten Blick auf die gleich gelagerte Problematik in anderen europäischen Ländern mit hohen Migrantenzahlen vermittelt Kirsten Heisig in ihrem unbequemen, aber realistischen und lesenswerten Buch „Das Ende der Geduld“. Was in Oslo, Glasgow, London und Rotterdam meist vorbeugend geschieht, zeitigt Erfolge, löst aber auch nicht alle Spannungen. Vor allem besticht der durch Initiativen der einheimischen Bevölkerung auf die Zuwanderer ausgeübte Druck. Bei uns dagegen wird jede Erfolg versprechende Maßnahme in Frage gestellt und anschließend, häufig vor dem Hintergrund von 12 Jahren unserer tausendjährigen Geschichte, zerredet.

Wenn es sich, wie hier, um einen zeitgeschichtlichen Vorgang handelt, lohnt es, nach einer Parallele in der Vergangenheit zu suchen. Die Geschichte der Menschheit zeigt nämlich, dass es so gut wie alles schon einmal gegeben hat. Vielleicht erkennt man die damals angewandten richtigen oder auch falschen Lösungsversuche, wiederholt sie oder macht es diesmal besser.

Zu allen Zeiten hat es Bevölkerungsverschiebungen durch Aus- und Einwanderungen gegeben. Ich kann allerdings keinen Fall erkennen, wo diese nicht gewaltsam abgelaufen wären – mit einer Ausnahme, auf die ich noch zu sprechen komme. In den klassischen Einwanderungsländern der Neuzeit,  Nord- und Südamerika sowie Australien, wurde im Zuge der Besiedlung durch Europäer die Urbevölkerung ganz einfach ausgerottet. Auch wenn man, wie es neuerdings geschieht, unser Deutschland als „Einwanderungsland“ bezeichnet, ist ein Vergleich mit diesen Ländern und den angewandten Praktiken einfach absurd. In Südafrika hat man die dort lebenden Negerstämme zwar nicht umgebracht, sondern gewaltsam von den Ländereien vertrieben, die die weißen Einwanderer in ihren Besitz nahmen. Es kam zu Parallelgesellschaften, der Apartheit. Jede dieser Gesellschaften entwickelte sich getrennt  Das gilt auch noch für die Gegenwart. Es haben sich nur nach dem Mehrheitsprinzip die Machtverhältnisse umgekehrt. Ähnliches könnte auch bei uns in nicht allzu ferner Zukunft  geschehen.


Historisch völlig verfehlt ist der häufig angeführte Vergleich mit der Aufnahme der in Frankreich wegen ihres protestantischen Glaubens verfolgten Hugenotten durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Diese Menschen waren gottesfürchtig, fleißig, handwerklich und kulturell auf einem höheren Stand als der Durchschnitt der einheimischen Bevölkerung. Vor allem aber bekannten sie sich wie die Brandenburger zum protestantischen Glauben. Ob der Große Kurfürst sie auch ohne diese Eigenschaften aufgenommen hätte, ist mehr als fraglich.

Die oben erwähnte Ausnahme ist das vor über 1500 Jahren untergegangene und doch noch überall gegenwärtige Römische Reich. Beurteilen Sie selbst, ob und welche vergleichbaren Entwicklungen sich im Verhältnis zu unserer gelebten Gegenwart erkennen lassen.

Im Verlauf von rund 800 Jahren war Rom durch Nationalbewusstsein, Tapferkeit, politisches Geschick und manchmal auch durch Glück zum mächtigsten Staat der damals bekannten Welt
aufgestiegen. Im Gegensatz zu anderen Mächten, die nur auf Eroberungen aus waren, wie etwa die Hunnen oder die Mongolen, blühten in Rom Kunst und Wissenschaften. Auch heute nach 2000 Jahren nutzen wir die zivilisatorische Leistung des Alten Rom.


Seinen territorialen Höhepunkt erreichte das römische Reich etwa um das Jahr 100 n. Chr. Doch schon im 1. Jahrhundert v. Chr. beklagte der Politiker Cicero mit den Worten                „o tempora, o mores“, „ was für Zeiten, was für Sitten“, den beginnenden Verfall der römischen Tugenden. Rom war durch seine Eroberungen reich geworden. Zunehmend kam die politische Oberschicht durch Intrigen und Bestechung oder gar Mord zu ihren Ämtern und nutzte sie rücksichtslos zur Vergrößerung ihres Reichtums. Intrigante und skrupellose Frauen, nicht nur die berühmt-berüchtigte Messalina, übten einen wachsenden Einfluss auf die Politik aus. Die Bürger ließen ihre Arbeiten durch billige Sklaven verrichten, genossen den Luxus mit allen nur erdenklichen sexuellen Ausschweifungen.  Das führte zum Zerfall der Familie, der kleinsten und wichtigsten Zelle des Gemeinwesens. Die im Alten Rom strikt verpönte, aber später zunehmend praktizierte  Homosexualität galt als unmännlich und wurde verachtet. Zeitgenössische Kritiker sahen darin ein Symptom der fortschreitenden allgemeinen Dekadenz. Von mehreren Kaisern wird darüber berichtet, offensichtlich, um sie in einem negativen Licht darzustellen.

Die Mehrzahl der politikverdrossenen Bürger war nicht mehr bereit, eigene Opfer zu bringen zum Erhalt eines Staates, der zur äußeren Hülse geworden war, von dem sie sich innerlich entfernt hatten, mit dessen Hilfe sich gierige Politiker die Taschen füllten. Die zum Schutz der Grenzen bestimmten Legionen bestanden großenteils aus fremdländischen Söldnern. Die tapfersten und zuverlässigsten waren übrigens die Germanen. Es wuchs der Abstand zwischen Arm und Reich. Man hielt die Masse des Volkes, die misera plebs, ruhig, indem man den Menschen panem et circenses  bot, Brot und immer brutalere Zirkusspiele. Fernsehen und Hartz IV gab es damals noch nicht.

In der Unterschicht fand sich ein hoher und ständig zunehmender Anteil von Angehörigen fremder Länder und Kulturen, vor allem aus dem Vorderen Orient und Nordafrika. Sie waren ins reiche Rom ausgewandert, um dort ihr Glück zu versuchen, zumindest aber an den sozialen Segnungen teilzuhaben. Mit dem römischen Gemeinwesen, seiner Geschichte und seiner Tradition verband sie gar nichts. Sie brachten ihre eigene Kultur und Religion mit, die sie in dem weltanschaulich toleranten Rom im Allgemeinen ungestört ausüben konnten, so lange sie der Staatsmacht nicht gefährlich wurden. Im Laufe  der  Kaiserzeit erhielten immer mehr Personen und Personengruppen das römische Bürgerrecht, bis es schließlich fast allen freien Reichsbewohnern verliehen wurde.

Der Glaube an ihre angestammten Götter war den Römern weitgehend abhanden gekommen, zumindest wurden sie nicht mehr ernst genommen. Manche der importierten Religionen hatten sogar bei den Einheimischen die Plätze von Jupiter, Juno, Diana, Merkur und der anderen Bewohner des Olymp eingenommen. Eine neue Heilslehre, welche die aus ihrer Heimat vertriebenen Juden mitgebracht hatten, widersprach fundamental der verfassungsmäßigen Ordnung des Staates. Es war das überwiegend auf ein Leben im Jenseits ausgerichtete Christentum. Die Anhänger dieses Glaubens, die nur einen einzigen wahren Gott anerkannten,  folglich die Gottheit des römischen Kaisers leugneten und sich den entsprechenden Riten verweigerten, vermehrten sich schnell. Mehrere römische Kaiser versuchten, durch Verbot der christlichen Bräuche und schließlich durch grausame Verfolgungen den Ungehorsam zu brechen, jedoch nur mit geringem Erfolg. Ganz im Gegenteil schufen sie mit ihren Maßnahmen nur Märtyrer. Gerade in den ihnen zugefügten Leiden sahen die Christen den Weg, der sie zum Ewigen Leben führte. Dem ebenso wie das Christentum monotheistisch ausgerichteten Islam, hätte es ihn damals schon gegeben, wäre das gleiche Schicksal widerfahren.

Wie stets in einer unsicheren und bewegten Epoche, die alle bestehenden Werte in Frage stellt, mangelte es auch in Rom nicht an Mahnern, die Missstände anprangerten und zur Rückbesinnung auf die traditionellen Tugenden aufriefen. Der Staatsmann und Historiker Tacitus kritisierte die im 2. Jahrhundert nach Christus herrschenden Zustände vehement als Verfallserscheinungen. In seiner Germania hielt er den Zeitgenossen einen Spiegel vor, indem er ihnen die Bräuche und Tugenden der sittenstrengen Germanen beschrieb. Von ihm erfahren wir zum Beispiel, dass bei den Germanen Feiglinge, Kriegsdienstverweigerer und Schwule im Moor versenkt und Gestrüpp über sie geworfen wurde, eine besonders ehrrührige Strafart. Wurde ein Kritiker für die Herrschenden gefährlich und ließ er sich nicht bestechen, so verbannte man ihn mit Schreibverbot in eine ferne Provinz, oder er erhielt, wie damals üblich, den Befehl zur Selbsttötung. So erging es zum Beispiel dem Philosophen und Politiker Seneca, der mit der ausschweifenden Lebensweise seines früheren Schülers und späteren Kaisers Nero nicht einverstanden war.

Unter diesen Umständen war es nur eine Frage der Zeit, bis das in seinen Grundlagen morsch gewordene Rom schließlich wie ein Kartenhaus einfiel. Fremde Elemente und der fehlende Glaube der Römer an ihren Staat ließen diesen Riesen auf tönernen Füßen bei der nächsten Belastung zusammenbrechen. Äußerer Anlass hierfür war der Ansturm von germanischen Eroberern, die sich reiche Beute versprachen. Rom wäre aber auch ohne seine Gegner an sich selbst zugrunde gegangen, es wäre verrottet, weil es seine ursprüngliche Identität verloren hatte. Was übrig blieb, war kein Volk, sondern eine zusammengewürfelte, überwiegend arme Bevölkerung, die die nächsten Jahrhunderte der Völkerwanderung in ständiger Unsicherheit über sich ergehen ließ und erst langsam wieder kleinere politische Einheiten bildete.

Ich wiederhole die eingangs gestellte Frage: Sehen Sie, verehrte Leser, Parallelen zu unserer Zeit? Ergänzend bleibt noch zu erwähnen, dass es Deutschland als sprachlich-kulturelle sowie  als politische Einheit (wenn auch nicht im Sinne eines Einheitsstaats) seit rund 1000 Jahren gibt. Rom währte rund 1200 Jahre.

Zurück zur Gegenwart. Noch nie ist das Wort Integration so oft gefallen wie in den letzten Wochen nach dem Donnerschlag, mit dem die Bücher von Thilo Sarrazin und Kirsten Heisig unsere schlafenden oder in anderen Bereichen merkelnden Staatslenker aufgeschreckt haben.
Auf die beiden Propheten werde ich in einem späteren Beitrag näher eingehen.

Erst einmal vernahmen wir die teils flehenden, teils beschwörenden, teils drohenden Aufrufe an unsere ausländischen Mitbürger, doch die Wohltaten zu erkennen, die ihnen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung bietet, und die deutsche Sprache zu erlernen. Dafür stelle man viel Geld bereit. Sonst – Knüppel aus dem Sack – könne man an die Kürzung der üppigen Segnungen unseres Sozialstaates denken. Derartige Appelle gibt es seit Jahrzehnten, jedes Mal dann, wenn aus dem Sumpf eine Gasblase aufsteigt und an der Oberfläche zerplatzt, so wie unlängst bei der Rütli-Schule in Berlin. Wie weit diese Mahnungen unsere ausländischen Mitbürger überhaupt erreichen, bleibt dahingestellt. Sie verstehen ja gar kein Deutsch.

Dann folgte routinemäßig der übliche Aktionismus mit wichtig tuenden Politikern, Soziologen, Experten und Sozialhelfern,  hautnahe Fernsehreportagen, durcheinander quatschende Talkrunden mit immer wieder denselben Gesichtern. So lange, bis auch der letzte Bürger genug davon hatte und weiterzappte.

Häufig, so auch jetzt wieder, zeigt unsere Regierung ihr Interesse an der Problemlösung durch Einschalten des Gesetzgebers. Das hinterlässt bei den Bürgern einen nachhaltigen Eindruck; denn schließlich ist das gelegte Ei deutlich sichtbar. Diese Methode hat Tradition. Meine Richtertätigkeit hat mir häufig Anlass gegeben zum Kopfschütteln. Einige der gewonnenen Erfahrungen habe ich in meinem Buch „Leben mit dem Geist der Zeit“  festgehalten. So begegnete man zum Beispiel den in den sechziger und siebziger Jahren grassierenden Besetzungen leer stehender Häuser durch die Verschärfung der Höchststrafe für Hausfriedensbruch von drei Monaten auf ein Jahr. Wohl gemerkt, der Höchststrafe, die erfahrungsgemäß nie verhängt wird. Infolge einer damals geltenden Strafschärfung für Rückfalltäter auf sechs Monate Freiheitsstrafe füllten sich nun die Gefängnisse schnell mit Streunern und Bahnhofspennern. Nach einem halben Jahr nur waren der Kölner Hauptbahnhof und die U-Bahn sauber, die Häuser aber weiterhin besetzt. Als die Baader-Meinhof-Terroristen („Rote-Armee-Fraktion“) die staatlichen Einrichtungen in Angst und Schrecken versetzen und auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschreckten, wurde das ohnehin schon sehr strenge Waffengesetz noch einmal drastisch verschärft. So, als ob die Täter sich zuerst einen Waffenschein besorgten, bevor sie ihre Opfer erschossen. Die Leidtragenden dieser Abrüstung waren überwiegend Sammler alter Schusswaffen.

Oft besteht ein solcher Gesetzespopulismus nur in der Verschärfung einer ohnehin schon hohen und in ihrem Höchstmaß nie verhängten Freiheitsstrafe. An die beschriebenen und einige andere Beispiele dachte ich vor Kurzem bei einer Pressemitteilung „Regierung geht gegen Zwangsheirat vor. Unfreiwillige Eheschließungen sollen ein eigener Straftatbestand werden, der mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden kann“. Zum besseren Verständnis: Auch nach dem zur Zeit geltenden Recht können oder könnten so genannte Zwangsehen je nach Begehungsart als Nötigung mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren und im besonders schweren Falle bis zu fünf Jahren bestraft werden. Inwieweit das neue Gesetzesvorhaben die Integration fördert, bleibt der Einschätzung eines jeden von Ihnen überlassen.

Wie bereits gesagt, ist die Problematik der Bildung von Parallelgesellschaften und sind die daraus herrührenden Reibungen nicht neu. Hat sich daran in den letzten Jahrzehnten etwas geändert? Beurteilen Sie, verehrter Leser, wieder selbst an Hand einiger typischer Fälle aus meiner richterlichen Tätigkeit, die ich meinem bereits genannten Buch „Leben mit dem Geist der Zeit“ entnehme.


Tief beeindruckt hat mich Ende der sechziger Jahre ein so genannter „Ehrenmord“, der vor dem Kölner Schwurgericht verhandelt wurde. Ein türkischer Ehemann und Vater von zwei kleinen Mädchen, der in der Gegend von Aachen als Gastarbeiter lebte, hatte erfahren, dass seine Frau in einem kleinen Dorf in Ostanatolien von einem Nachbarn vergewaltigt worden war. Damit war die Geschlechtsehre der ganzen Familie, auch die der Töchter, geschändet. Um der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, hätte die Familie an einen anderen Ort ziehen müssen, wo man sie nicht kannte. Allein durch das Blut des Schänders konnte der Ehemann und Vater seine Mannesehre bewahren. Als er kurz darauf erfuhr, dass auch der Täter sich in Deutschland aufhielt, lauerte er ihm auf und stach ihn nieder.

Im Gerichtsverfahren versuchte ich mein Möglichstes, um den Mann vor der ihm drohenden lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes zu bewahren. Ich veranlasste die Zuziehung eines Sachverständigen, der vielleicht einen strafmildernden Affektstau hätte bestätigen können. Bevor jedoch der Sachverständige mit seinen Ausführungen begann, bat der Angeklagte ums Wort. „Herr Richter“, sagte er zu mir gewandt, „ich erkenne und schätze Ihre Absicht. Aber ich habe die Tat mit voller Überlegung begangen, und ich würde sie jederzeit wiederholen“. Auf Grund der besonderen Tatumstände musste auch ich damals für lebenslange Strafe stimmen. Ich empfand für den Mann nicht nur Mitleid, sondern auch Respekt, was man heute kaum noch verstehen wird.

Aus dem Kapitel „Gericht und Gesellschaft“ zwei weitere Fälle, die jetzt über 30 Jahre zurück liegen.

„Wenn in ein Mietshaus eine türkische Familie einzieht, die bis dahin in Ostanatolien eine kleine Hütte bewohnt hatte, sind die Schwierigkeiten mit den deutschen Nachbarn vorprogrammiert. Soweit Letztere es sich leisten können, ziehen sie weg. In den frei gewordenen Wohnraum drängen sofort weitere Türken nach. Manchmal wohnen 20 Personen auf einer Etage. Hier in unserem Falle feierten sie regelmäßig bei lauter türkischer Musik die ganze Nacht durch, wenn einer bei seiner Rückkehr aus der Heimat einen geschlachteten Hammel mitgebracht hatte. Im Hause selbst hatten die Kinder die Briefkästen abgerissen, die Klingeln so lange ausprobiert, bis nur noch die Drähte heraus hingen, und die Haustüre als Zielscheibe benutzt. Alle deutschen Bewohner waren bereits weggezogen bis auf einen älteren behinderten Rentner, der sich keinen Umzug leisten konnte. Mehrere seiner Anläufe, um Ruhe zu bitten, scheiterten schon an der Verständigung. Da drehte der Mann in einer schlaflosen Nacht durch. Mit einem Beil hieb er gegen die Wohnungstür der lärmenden Familie, und als die Frau öffnete, ging er mit erhobenem Beil auf sie zu. Er habe nur drohen, nicht aber zuschlagen wollen, verteidigte er sich vor Gericht. Er wisse nicht mehr, wie er sich helfen solle. Das Sozialamt zeige für seine Lage kein Verständnis. Dort gelte er als Ausländerfeind. Ich musste den Mann zu einer, wenn auch geringen, Strafe verurteilen. Er nahm das Urteil an, erklärte aber zugleich, dann bleibe ihm wohl nur die Wahl, sich aus dem Fenster zu stürzen.

Auf der Anklagebank saß ein etwa dreißigjähriger, ruhig und nicht unsympathisch wirkender türkischer Familienvater unter dem Vorwurf der Unterhaltsentziehung. Er bestritt nicht, keine Zahlungen geleistet zu haben. Er sehe aber nicht ein, für eine Familie zahlen zu müssen, die gar nicht bei ihm wohne. Seine Frau habe ihn mit den beiden Kindern verlassen. Dahinter steckten nach seiner Meinung deutsche Frauen, die seine Frau überredet hätten, ihn zu verlassen, die sie jetzt gegen ihren Willen festhielten und an der Rückkehr hinderten. Tatsächlich saßen in der hintersten Zuschauerbank zwei Sozialfrauen, zwischen ihnen gesenkten Hauptes die Ehefrau des Angeklagten. Während der Angeklagte sprach, beobachtete ich, wie die Ehefrau mehrfach aufstehen wollte, von ihren Begleiterinnen aber immer wieder auf die Bank zurück gezogen wurde. Die beiden erklärten, die Frau sei im Zuge einer lautstarken Auseinandersetzung von ihrem Mann geschlagen worden. Nachbarn hätten die Polizei gerufen, und die habe, wie stets in solchen Fällen, den Mann vorläufig festgenommen  und das Frauenhaus benachrichtigt. Dort halte sich die Frau auf ihr Anraten seit einigen Monaten mit den Kindern auf. Von ihrem Wunsch, wieder zu ihrem Mann zurück zu kehren, habe man sie auf Grund des Vorgefallenen abgehalten.

Der türkische Dolmetscher erläuterte, derartige Auseinandersetzungen, auch mit leichter körperlicher Züchtigung der Frau, seien in bestimmten einfachen Kreisen durchaus normal. Dabei gebe es, wie im Orient üblich, viel Geschrei. Das Ganze sei eben eine andere Form des ehelichen Zusammenlebens und werde nicht ernst genommen. Manche Frauen benähmen sich tatsächlich wie unvernünftige Kinder und warteten regelrecht darauf bestraft zu werden. Tue der Mann es nicht, so könne das sogar als Zeichen von Desinteresse aufgefasst werden. Andererseits hänge der Mann an seiner Familie und sei zu jedem Opfer für sie bereit.

Die beiden Sozialfrauen hörten das mit finsteren Gesichtern. Als ich die Ehefrau des Angeklagten fragte, ob sie bereit sei, zu ihrem Mann zurück zu kehren, blickte sie angstvoll zu den Sozialfrauen hin und blieb stumm. Ich schickte die beiden raus, was sie mir sichtlich übel nahmen. Nun sprudelte es aus der Frau regelrecht heraus. Sie bestätigte das, was der Dolmetscher vorher erklärt hatte. Natürlich sei sie bereit, sofort zurück zu kehren. Sie bäte ihren Mann um Verzeihung, dass es nicht schon früher geschehen sei. Der Mann sei immer sehr gut zu ihnen gewesen. Sie sehe auch ein, dass sie ihm Grund für eine Bestrafung gegeben habe.“

Hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas an dem Nebeneinander der Kulturen geändert? Vielleicht werfen Sie, verehrte Leser, mir vor, es sei leicht zu kritisieren, ohne selbst nach einer Lösung zu suchen. Das stimmt insoweit, als ich auf Grund der vorliegenden Erfahrungen tatsächlich auch für die nächsten Generationen eine Harmonisierung unserer bisweilen sehr fragwürdigen „Leitkultur“ mit völlig anderen, in Jahrhunderten gewachsenen Wertvorstellungen, getragen von Menschen mit unterschiedlichen Veranlagungen, für unmöglich halte. Und doch könnte man aller Schwierigkeiten mit einem, zugegeben, teuren Kraftakt begegnen, ohne die Menschlichkeit über Gebühr zu strapazieren. Mein Vorschlag, bei dem ich weiß, dass es eine Utopie ist, geht dahin, dass Deutschland, am besten ganz Europa, den Herkunftsländern der schon einmal hier befindlichen Einwanderer so viel zweckgebundene Aufbauhilfe leistet oder  Unternehmen nach dort auslagert, dass ein wirtschaftliches Interesse an der Rückwanderung geweckt wird. Wer dem Steuerzahler zur Last fällt, ohne sich in der Vergangenheit einen Anspruch auf Leistungen erworben zu haben, vor allem asoziale und kriminelle Elemente, werden ausgewiesen, gegebenenfalls mit einem Übergangsgeld à la Sarkozy. Die Schweiz, zweifellos eine echte Demokratie, hat kürzlich bezüglich der Kriminellen einen richtungweisenden Anfang gemacht. Wer dann in Deutschland bleibt, ist integriert oder befindet sich auf dem besten Wege. Für die Zukunft folge man nur dem Beispiel der modernen klassischen Einwanderungsländer wie Australien oder Kanada. Man lässt nur diejenigen ins Land, die sich selbst versorgen können, ohne den Staat zu belasten. Wenn andere Länder es anders machen, bedeutet das für uns keine zwingende Verpflichtung, ihrem Beispiel zu folgen.

Wie schon gesagt, eine Wunschvorstellung, die nicht von den gegenwärtigen Umständen getragen wird. Wohin die Entwicklung führt, brachte vor Kurzem eine sehr attraktive und wortgewandte  Jungtürkin gelegentlich einer der vielen Tele-Schwatzrunden zum Ausdruck. Danach setzt sich das  globalisierte Deutschland aus mehreren Völkern mit deren Kulturen zusammen. In einem solchen Land sei sie integriert, könne sich als Deutsche fühlen. Gegenüber der globalisierten Schönheit wirkte der am deutschen Deutschland festhaltende Sarrazin schon vom äußeren Erscheinungsbild her wie eine überholte Gestalt aus ferner Vergangenheit. Die Türkin sprach aus, was die Mehrheit der deutschstämmigen Deutschen durch ihr von Angst und Desinteresse geprägtes Schweigen zu akzeptieren scheint, nämlich als deutscher Bevölkerungsteil zu leben in einem entdeutschten Deutschland.

Erich Honecker bediente sich in seiner eindrucksvollen Verteidigungsrede vor dem Berliner Landgericht eines klassischen Zitats : „Wen Gott vernichten will, den schlägt er zuvor mit Blindheit“. Wir hören Klio, die antike Muse der Geschichtsschreibung, ausrufen: Ave Roma, Germania moritura te salutat. Niemand versteht sie. Der globalisierte Mensch spricht Englisch.

 

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