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Mutige Formate begeisterten bei den Kleist-Festtagen 2020

Datum: 11.10.2020
Rubrik: Veranstaltungen

Mit einem literarischen Bühnenexperiment und einer begeisternden Bürgerschaftslesung gingen am Sonntag die Kleist-Festtage 2020 in Frankfurt (Oder) zu Ende. Unter dem Motto Die da drüben – Kleist & Konsorten luden das Kleist-Museum und das Kleist Forum zu mehr als 20 Veranstaltungen ein. Namhafte Künstler*innen und Ensembles besuchten im Rahmen der 30. Auflage des Theater- und Literaturfestivals vom 1. bis 11. Oktober die Kleist-Stadt.

Die großartige Ausstellungseröffnung im Kleist-Museum Das deutscheste Drama. Kleists Herrmannsschlacht und der Zeitgeist und das folgende Gespräch mit Jürgen Kaube, einem der Herausgeber der F.A.Z., haben gezeigt, wie aktuell Kleists Themen sind: Diskussionen über Nationalismus und Patriotismus, über die Verteilung von Geschlechterrollen spielen derzeit eine überragende Rolle. Das Kleist-Museum hat aus der derzeitigen Not eine Tugend gemacht und zentrale Events erstmals digital auf youtube gestellt. Direkt konnten die Veranstaltungen in diesem Jahr nur wenige Menschen erleben – auf vermittelte Art stehen sie nun für eine Zeit allen zur Verfügung. Das theater 89 hat – im Garten des Kleist-Museums – mit dem Zerbrochnen Krug Volkstheater in bester Tradition auf die Bühne gebracht und die aktuellste Umschreibung von Kleist brachte das Gespräch mit Necati Öziri über seine Fassung der Verlobung in St. Domingo zur Diskussion. Am zweiten Festivalsonntag wurde eindrucksvoll ein „vergessener Autor“ des frühen 19. Jahrhunderts, Franz Freiherr Gaudy, wiederentdeckt: Eine Pop-Up-Ausstellung und eine künstlerische Lesung erinnerten an den in Frankfurt (Oder) geborenen Dichter.

Zu den Höhepunkten im Kleist Forum zählte neben der Uraufführungsinszenierung des Kleist-Förderpreisträgerstücks Ein Berg, viele von Magdalena Schrefel die fulminante Premiere des Stefan-Heym-Abends Vom Aufstoßen der Fenster von und mit Robert Stadlober und Klara Deutschmann als musikalische Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte vom 1. Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und ihren Nachwirkungen in unsere Zeit. Vom Publikum gefeiert wurden das Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg, das in Kafkas Erzählung Die Verwandlung die verkommenen Strukturen innerhalb einer Familie aufdeckte, ebenso wie die von David Friedrich moderierte Dichterschlacht Best of Poetry Slam. Eigens für das Festival produziert, wurden zwei Klassiker-Inszenierungen: In Amphitryon nach Heinrich von Kleist lag der Schwerpunkt auf dem Suchen, Finden, Verlieren und hoffentlich Wiederfinden der wahren, tiefen Liebe. In Schillers Jungfrau von Orleans begab sich der unvergleichliche Schauspieler Thomas Thieme in alle Rollen des Stücks, unterstützt von seinem Sohn Arthur an der Bassgitarre.

„Diese Kleist-Festtage waren für uns in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes“, resümieren Anette Handke (stellvertretende Direktorin des Kleist-Museums) und Florian Vogel (künstlerischer Leiter des Kleist Forums), die Kuratoren des Festivals. „Sie haben uns gezeigt, dass man unter widrigsten Umständen ein großartiges Programm mit außergewöhnlichen, ja sogar mutigen Formaten zusammenstellen kann, das auf das Publikum eine regelrechte Sogwirkung hat“, sagt Florian Vogel. „Das Interesse der Festivalgäste war groß. Wir haben gespürt, wie sehr Kunst und Kultur vielen Menschen fehlen“, fügt Anette Handke hinzu. „Insofern ist das Festival auch ein Signal, dass Kultur trotz Corona zu unserem Alltag gehören kann und muss“, schließen die Kuratoren.

 

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