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7 Frauen holen in 5 Kategorien den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis 2020

Datum: 04.06.2020
Rubrik: Nachrichten

Online-Finale und Frauen-Power in einem außergewöhnlichen Wettbewerb

Die Journalistinnen Kaja Puto, Malgorzata Zerwe, Heike Bittner, Veronica Frenzel, Agata Szymanska-Medina, Agata Horbacz und Katharina Zabrzynski sind die Preisträger des nach Tadeusz-Mazowiecki, dem Bürgerrechtler und ersten Premierminister Polens nach der friedlichen Revolution, benannten Journalistenpreises. Ihre Beiträge wurden von Gazeta Wyborcza, Deutschlandfunk, MDR, Spiegel Multimedia und rbb veröffentlicht. In diesem Jahr ist Brandenburg Ausrichterland des Wettbewerbs, der bereits zum 23. mal ausgelobt wurde. Mit 181 Einsendungen ist in diesem Jahr eine der stärksten Beteiligungen seit Bestehen des Wettbewerbs erreicht worden. Die Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert.

Die ursprünglich für heute und morgen in Frankfurt (Oder) vorgesehenen Deutsch-Polnischen Medientage mit Diskussionsveranstaltungen und der feierlichen Preisverleihung finden aufgrund der Corona-Pandemie virtuell statt.  Brandenburgs Ministerpräsident und Polen-Koordinator der Bundesregierung Dietmar Woidke: „Not macht erfinderisch. Mit diesem Format begehen wir neue Wege – und das ist ausgezeichnet gelungen. Mein Dank an alle, die daran engagiert mitgewirkt haben.“ 

Die Bekanntgabe und Ehrung der Preisträgerinnen findet ausschließlich online im Netz statt. Dort werden die nominierten Journalistinnen und Journalisten sowie die Siegerbeiträge präsentiert und Glückwunschansprachen gehalten. Und virtuell wird der Staffelstab von Potsdam nach Stettin, dem Veranstalterort 2021, übergeben. Die deutsch-polnischen Jurysitzungen fanden coronabedingt per Schaltkonferenzen statt. Die Preisträgerinnen bekommen in den nächsten Tagen Post mit den begehrten Statuetten und einem persönlichen Brief von Dietmar Woidke.

Woidke betonte heute anlässlich der Preisverleihung: „Die große Beteiligung an dem Wettbewerb zeigt, welch hohes Ansehen der Preis genießt. Das ist aber auch ein Zeichen, wie sehr das deutsch-polnische Verhältnis und die Entwicklungen im jeweiligen Nachbarland die Journalistinnen und Journalisten umtreiben. Gerade in diesen schwierigen Zeiten wollen wir alles tun, dass das gute Verhältnis in der Grenzregion durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie keinen Schaden nimmt. Es ist unverzichtbar, das über Jahrzehnte gewachsene enge Verhältnis zu bewahren. Denn es zeigt sich: Erst wenn die Grenzen dicht sind, erkennt und erlebt man, wie wichtig offene europäische Grenzen sind. In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten ist so viel Wertvolles – Partnerschaft und Freundschaft – beiderseits von Oder und Neiße entstanden. Wir müssen gerade im 75. Jahr nach Kriegsende alles dafür tun, dass dieser Schatz gehütet und gepflegt wird. Ich freue mich auf die Medientage 2021 in Stettin.“ 

Die Ausrichter des diesjährigen Wettbewerbs und der Medientage – Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, das Land Brandenburg und die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius – sowie die weiteren Auslober des Preises – die Bundesländer Freistaat Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern und die Woiwodschaften Westpommern, Lebuser Land und Niederschlesien – gratulieren herzlich: 

In der Kategorie Print 

Kaja Puto für den Beitrag: „Christus anstelle der Brücke am Dreiländereck“, erschienen in der „Gazeta Wyborcza“ – „89”-Magazin 

Der polnische Juror für die Kategorie Print, Robert Migdał, zur Begründung der Juryentscheidung: „Die Reportage beschreibt das Leben im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien […] wirklich, gründlich und farbenfroh. Im gemeinsamen Leben der drei Nationen direkt an der Grenze werden die Vorteile des Grenzlebens gezeigt, aber auch Nachteile. Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Projekte, Beziehungen, die jeder Gemeinschaft zugutekommen. […]  Die Autorin zeigt aber auch die Schatten der deutsch-polnisch-tschechischen Beziehungen. Und das in verschiedenen Lebensbereichen Politik, Ökonomie, Ökologie […].

Und die Autorin Kaja Puto sagt in ihrem Selfie-Film: „Was mich bei der Arbeit am meisten interessierte, war, ob die ‚Euroregion Neiße‘ heute noch ein theoretisches Konstrukt ist, oder ob sie bereits Realität geworden ist.“ 

In der Kategorie Hörfunk

Malgorzata Zerwe für den Beitrag: „Deutschpolnischeuropäisch – Die Identitäten der Magdalena Parys”, erschienen im Deutschlandfunk, Feature / Hörspiel / Hintergrund Kultur 

Das deutsche Jurymitglied für die Kategorie Hörfunk, Michael Elgaß, fasst die Juryentscheidung zusammen: „Der Autorin Malgorzata Zerwe gelingt es, die Zuhörenden mit einem spannenden Einstieg von der ersten Sekunde an in den Bann zu ziehen und bis zum Ende nicht mehr loszulassen. Durch Originaltöne, zitierte Romanpassagen, atmosphärische Geräusche und dynamische Musik transportiert die Autorin den Inhalt – das 50minütige Feature kommt ganz ohne erklärende Textsteuerung aus. […] Die Zuhörenden tauchen im Verlauf des Features durch die zitierten Roman-Ausschnitte von „Der Magier“ nicht nur in die Handlung des Buches ein, sie lernen auch die vielschichtigen, wie es im Titel heißt, „Identitäten der Magdalena Parys“ kennen.“ 

Und die Autorin Malgorzata Zerwe gibt zu Protokoll: „Die Flucht ihrer Familie aus Polen nach Deutschland 1984 empfand die zwölfjährige Magdalena [Parys] als Geschenk: eine zweite Sprache und eine freiere Erziehung verschafften ihr, was sie heute ‚doppelte Identität‘ nennt. Anders als viele osteuropäische Immigranten, die in der westlichen Welt aufgehen wollen, bewegt sich Parys bewusst zwischen den Kulturen. Sie lebt in Berlin und schreibt auf Polnisch über deutsche Nachkriegsgeschichte. Sie fühle deutsch, sagt sie – aber Bestseller sind ihre Bücher in Polen.“

In der Kategorie Fernsehen

Heike Bittner für den Beitrag: „Gestrandet in Berlin – Polen holt obdachlose Landsleute zurück”, erschienen im Mitteldeutschen Rundfunk, Redaktion Osteuropa und Dokumentationen

Das deutsche Jurymitglied für die Kategorie Fernsehen, Bogna Koreng betont zur Jury-Entscheidung: „Die Reportage erzählt die Schicksale einiger Gestrandeter, die wohl exemplarisch für die etwa 2.000 obdachlosen Polen in der deutschen Metropole stehen. Es ist eine Reportage von der lauten – mitunter schon brutalen - Straße; keine schönen Statements aus noch schöneren Büros. Heike Bittner lässt uns hautnah miterleben, wie die beiden Sozialarbeiter geduldig argumentieren. Es scheint, als sei die Kamera die dritte Helferin. Die Autorin bringt uns die Schicksale emotional nahe, ohne zu emotionalisieren. Schweigend zuhören, einfühlsam beobachten, auf Augenhöhe begegnen, mit Achtung vor dem Menschen, der da im wahrsten Sinne des Wortes am Boden liegt. Sie lenkt uns auf einem Pfad zwischen Scham einerseits und Enttäuschung andererseits. Dieses respektvolle Wiedergeben der Situation, dieses sachliche Einordnen, dieses strukturierte und doch einfühlsame Erzählen hat die Jury überzeugt.“

Und Heike Bittner umreißt das Thema ihres Beitrags so: „Tausende Obdachlose leben in Berlin, die meisten kommen aus Osteuropa. Nun hat Berlin um Hilfe gebeten. Wojciech und Darek versuchen deshalb im Auftrag einer polnischen Hilfsorganisation, ihre Landsleute nach Polen zurückzuholen. Denn der Winter naht, das Leben auf der Straße wird mit jedem Tag härter. Dennoch wollen längst nicht alle zurück in die Heimat. Aus Angst, aus Scham.“

In der Kategorie Multimedia

Veronica Frenzel und Agata Szymanska-Medina für den Beitrag: „Alle für eine”, erschienen im Spiegel Multimedia

Der polnische Juror für die Kategorie Piotr Stasiak begründete die Entscheidung der Jury so: „Die Zulässigkeit des legalen Schwangerschaftsabbruchs in Polen ist seit 30 Jahren ein Instrument des politischen und weltanschaulichen Kampfes. Durch die Verwendung eines Formats – das Veronica Frenzel und Agata Szymanska-Medina selbst als „visual story“ bezeichneten – gewinnt das Thema eine neue Ausdruckskraft. Es handelt sich um eine Kombination aus Video, evokativem Ton, starken Bildern, Archivmaterial und Text-Reportage – alle diese Elemente locken die Zuschauer vor den Bildschirm und rufen Emotionen hervor. Man fühlt sich überrascht, interessiert, und schließlich zeigt sich Empathie. Gesellschaftliche Debatte und Wandel fangen mit Veränderungen des Bewusstseins an. Und Bewusstsein und Verständnis werden durch journalistisches Material wie ´Alle für eine´ geschaffen.“

Und die Autorinnen Veronica Frenzel und Agata Szymanska-Medina bringen den Inhalt ihres Gewinnerbeitrages auf diese Quintessenz: „Sie hatten Angst. Vor der Verurteilung, den Schuldzuweisungen. Sie taten es dennoch: Die Polinnen Natalia Broniarczyk und Justyna Wydrzyńska haben abgetrieben. Und im Untergrund ein Netzwerk aufgebaut, um Frauen zu helfen, denen es ähnlich geht wie ihnen. Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas, Kirche und Regierung wollen es noch verschärfen. Zehntausende im Land protestieren dagegen. Natalia und Justyna führen nun eine Revolution gegen alte Tabus an: Als ´Abortion Dreamteam´ touren sie durch das gespaltene Land.“

In der Kategorie „Journalismus in der Grenzregion“, gestiftet vom Land Brandenburg

Agata Horbacz und Katharina Zabrzynski für den Beitrag: „Ohne Polen läuft hier nix“, erschienen im Rundfunk Berlin-Brandenburg, Regionalstudio Frankfurt an der Oder

Der Juror für das Land BrandenburgTobias Dürr, zur Juryentscheidung: „Ohne Polen läuft hier nix“ […] Damit ist schon fast alles gesagt. In ihrer Reportage zeigen beide Autorinnen hocheindrucksvoll das grenzüberschreitende Miteinander in unserer Region. Sie belegen am Beispiel konkreter Menschen, wie wichtig und völlig unersetzbar Polinnen und Polen sind, wenn es darum geht, Wirtschaft und Gesellschaft in Brandenburg und Berlin in Gang zu halten. […] Es gibt keinen Bereich unseres Zusammenlebens mehr, der ohne tatkräftiges polnisches Engagement auskommen könnte.“ 

Und die Autorinnen Agata Horbacz und Katharina Zabrzynski sehen es so: „Hier bilden die Polen die zweitgrößte Migrationsgruppe. Außerdem pendeln täglich Tausende aus Stettin, Küstrin, Slubice und vielen anderen Grenzorten zum Arbeiten in die Hauptstadt. […] Was treibt sie an? Was fehlt ihnen? Was bewegt sie? Sie sind Beispiele einer Wirklichkeit, die meist nicht auffällt.“ 

Die Juroren trafen ihre Wahl aus insgesamt 181 Einsendungen. Auf deutscher Seite gingen 92 Beiträge ein, davon 43 in der Kategorie Print, 14 in der Kategorie Hörfunk, 16 in der Kategorie Fernsehen, drei in der Kategorie Multimedia und 16 im Wettbewerb um den Preis „Journalismus in der Grenzregion“. Auf polnischer Seite wurden 89 Beiträge gezählt, davon 47 im Bereich Print, elf im Hörfunk, neun in der Kategorie Fernsehen, 19 in der Kategorie Multimedia und drei als regionale Beiträge. Die Zahl der deutschen Beiträge ist gegenüber dem Vorjahr um 56 Prozent, die der polnischen um 58 Prozent gestiegen. 

 

 

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