Nachrichten

Teil1 Seine Entstehung

Ruppert meint...Nr. 24 Der hässliche Deutsche

Rubrik: Kolumne

Ruppert meint...Nr. 24 a Der hässliche Deutsche

1. Teil: Seine Entstehung

Wieder einmal ist es so weit. Man braucht ihn nicht jedes Mal neu entzünden, den immer wieder erloschen geglaubten Deutschenhass. Es genügt, bei jeder passenden Gelegenheit die Glut anzublasen, die seit vielen Jahrzehnten unter der Asche von drei Großbränden schwelt: Der deutsch-französische Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914 - 1918 und schließlich ganz besonders nachhaltig der Zweite Weltkrieg 1939 - 1945. Nur dem naiven Deutschen sind die ihm von der restlichen Welt entgegen gebrachten Sympathien oder Antipathien in ihren Ursachen, ihrem Ausmaß und in ihren Wirkungen nie richtig bewusst geworden. Diese Einschätzung mag auf Wahrheiten oder Vorurteilen beruhen, sie mag richtig sein oder falsch, jedenfalls muss ein kompetenter Politiker sie kennen und in seine außenpolitischen Entscheidungen einkalkulieren. Bismarck wusste es, als er feststellte, Politik sei Außenpolitik.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg erhielt ich, wie wohl nur wenige Zeitgenossen, auf mannigfache Weise Gelegenheit, Urteile und Vorurteile über meine Heimat zu erfahren. Schon in den achtziger Jahren hatte ich mir vorgenommen, nach meiner Pensionierung den Dingen auf den Grund zu gehen, und ich hatte systematisch mit der Sammlung von Belegmaterial begonnen. Mit der Veränderung meiner Lebensumstände nach der Wiedervereinigung gingen viele persönliche Kontakte, Unterlagen und Bilder verloren. Die meisten Zeitzeugen leben heute nicht mehr. Ich stellte fest, dass es bereits etliche Beiträge zu der Problematik des „hässlichen Deutschen" gab, deren oberflächliche  Themenaufarbeitung allerdings nicht dem entsprach, was ich mit meinem Buch beabsichtigt hatte. So bildet die aktuelle Kolumne eine unvollkommene Kurzfassung dessen, was einmal eine tiefgründige historische Aufarbeitung hatte werden sollen.

Wir Deutschen werden auch heute noch in der Welt bewundert und beneidet für unsere Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Gründlichkeit, Genauigkeit. Disziplin, Ordnung und einige weitere lobenswerte Eigenschaften. Es sind wohl Überreste eines Deutschlandbildes aus der Vergangenheit, die ständig weiter abzubauen wir uns nach Kräften und mit Erfolg bemühen. Denken wir doch nur an die nach Kräften vertuschte Rolle der „Treuhand" bei der Wiedervereinigung sowie weitere Korruptionsskandale bis in die höchsten Ebenen, die Erbärmlichkeit unseres Bildungswesens, das klägliche Versagen der staatlichen Organe bei der inneren Sicherheit, die Rolle der Bundeswehr als Hilfstruppe neo-imperialistischer Interessen, die Verhältnisse bei der Deutschen Bahn, Stuttgart 21, den Berliner Flughafen und und und.

Beginnen wir also die Suche nach dem hässlichen Deutschen mit altdeutscher Gründlichkeit bei unseren Urahnen, den alten Germanen. Da diese keine Schriftsprache kannten, wird uns ihr Bild von den die damalige Welt beherrschenden Römern übermittelt. „Weltbeherrschend" stimmt jedoch ausgerechnet in Bezug auf die Germanen nur zum Teil. Bis auf einige Randgebiete sind sie von den Römern nie unterworfen worden. Während also der ganze Mittelmeerraum und große Teile Galliens, des heutigen Frankreich, nach und nach als römische Provinzen in das Weltreich und dessen Kultur eingegliedert wurden, blieben unsere germanischen Vorfahren noch viele Jahrhunderte lang „Barbaren". Darunter verstanden Griechen und Römer ganz allgemein sämtliche Menschen ohne griechisch-römische Bildung. Allerdings galt es als grobe Beleidigung, auch einen Bürger Roms als „barbarus" zu bezeichnen. (Nebenbei: Trotz ihres anachronistisch verehrten Astérix leiten unsere französischen Nachbarn traditionell gerade aus ihrer frühen Romanisierung uns Deutschen gegenüber einen zivilisatorischen Vorsprung ab.)

Schon vor, aber erst recht in der Varusschlacht  9 n.Chr. hatten die Römer sich bei den Germanen blutige Nasen geholt und vor deren Schlagkraft einen solchen Respekt erlangt, dass sie sie fortan in Ruhe ließen. Zu ihrer Sicherheit errichteten sie einen antigermanischen Schutzwall, versuchten, die Stämme gegeneinander aufzuwiegeln oder sie als „Verbündete" für ihre zahlreichen Auslandseinsätze zu gewinnen, oder sie gliederten sie als Eliteeinheiten in ihre Armee ein. Mehr noch. Der Historiker Tacitus stellte in seiner „Germania" dem lasterhaften und faulen Leben  seiner Zeitgenossen fast schwärmerisch die ehrenwerten Sitten und Gebräuche der barbarischen Germanen gegenüber. Dabei hob er ihre Moral, ihr sittenstrenges Familienleben, ihren treuen und aufrichtigen Charakter, ihre Tapferkeit im Krieg und ihren Freiheitswillen hervor. Ehebruch wie auch Kindestötung wurden streng geahndet, Verräter und Deserteure hängten sie auf, Feiglinge, Verweigerer und Schwule oder sonst sexuell Abartige versenkten sie in Kot und Sumpf und warfen als Zeichen besonderen Ekels Gestrüpp darüber. Alles in allem beherrschte ein überwiegend positives Bild von unseren Vorfahren die antike Welt.

Jedenfalls so lange, bis im Zuge der Völkerwanderung das von Multikulti durchsetzte und morsch gewordene weströmische Reich von den durch ganz Europa bis nach Afrika ziehenden germanischen Stämmen mehrfach ausgeplündert wurde und schließlich im 5. Jahrhundert n.Chr. endgültig zusammenfiel. Hierbei einen besonderen Bösewicht auszumachen, auf den das Klischee des späteren Deutschen passt, ist nicht möglich. Das gilt sogar für die Vandalen, einen germanischen Volksstamm, dem es im Jahre 455 n.Chr. gelang, die Stadt Rom zu erobern. Die Vandalen ließen dabei die Bewohner am Leben, was seinerzeit keineswegs die Regel war. Mit anderen Worten, sie waren besser als ihr späterer Ruf.

Der Aufbruch ganzer germanischer Völkerschaften nach Westen beruhte nicht allein auf dem Streben nach leichter Beute. Von Osten her wurden sie hart bedrängt von dem auch ihnen militärisch überlegenen Reitervolk der Hunnen. Überall, wo diese auftauchten, verbreiteten sie Panik, Angst und Schrecken. Die Plötzlichkeit, mit der sie über Europa herfielen, ihre hemmungslose Grausamkeit gegenüber sich selbst und ihren Gegnern, ihre Lebensweise, verbunden mit ihrem Furcht erregenden Aussehen, ihre scheinbare Unbesiegbarkeit ließen sie etwa einhundert Jahre lang als Ausgeburten von Dämonen erscheinen. Mit ihrem berühmten König Attila (Etzel) gingen sie in die europäische Literatur des Mittelalters ein. Wir begegnen ihnen rund 1.500 Jahre später wieder, und zwar in Deutschland.

Als sich schließlich im frühen Mittelalter aus den Trümmern des Römerreichs wieder neue staatliche Konturen bildeten, trat das Frankenreich mit der neuerdings als "Europäer" lichtvoll verklärten Gestalt von Kaiser Karl dem Großen in den Vordergrund der Geschichte. Mit einer leichten „Korrektur" der Geschichte verehren viele nationalbewusste Franzosen Charlemagne als den Gründer ihres Staates.  Die Franken waren jedoch ein germanischer Volksstamm. Ihr späterer Kaiser Karl wurde in Prüm in der Eifel geboren und ist in Aachen begraben. Erst nach seinem Tod und der Teilung des karolingischen Reichs entstand aus dem östlichen Teil (Ostfrankenreich) das mittelalterliche deutsche Reich, das „Heilige Römische Reich deutscher Nation. Nur der westliche Teil wurde zum späteren Frankreich.

Um diese Zeit entstand als Gesamtbegriff für die einzelnen Sprachen und Dialekte der germanischen Völker, zum Beispiel „Fränkisch", „Gotisch", „Alemannisch"  usw. die Sprache des „Volkes" (= „theut"), das „diutisc". Es war das sprachliche Gegenüber zu den auf dem Lateinischen fußenden romanischen Sprachen in den ehemaligen römischen Provinzen und dem Latein, wie es in vereinfachter Form  von der gebildeten Oberschicht und den Klerikern gesprochen wurde. Enthielt der Begriff „deutsch" auch eine relative Abwertung gegenüber den romanischen Sprachen? Möglich; denn das Volk konnte in seiner Mehrheit weder lesen noch schreiben.

Ein von einer eigenen Kultur getragenes staatliches Gebilde mit dem Attribut „deutsch" gibt es also tatsächlich seit tausend Jahren. Es ist allerdings nicht das von den Nazis propagierte und in die Zukunft gerichtete„Tausendjährige Reich". Seit seinem Entstehen bis ins 19. Jahrhundert war der internationale Ruf des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation nicht schlechter als der anderer europäischer Nazionen. Nur werden bis in die Gegenwart von Deutschen begangenen Gräuel intensiver im nationalen Gedächtnis der betroffenen Völker gepflegt, als es umgekehrt der Fall ist.

Da die Deutschen ihre Herrschaft immer weiter nach Osten ausdehnten, machten sie sich bei den Polen unbeliebt. Den Sieg über den verhassten Deutschen Ritterorden in den Schlacht von Tannenberg (poln. „Grunwald") 1410 feiern die Polen bis heute als den Höhepunkt ihrer Geschichte. Die kurzlebige Freundschaft von Hitler und Mussolini täuscht darüber hinweg, dass auch das Verhältnis von Deutschland und Italien  historisch belastet ist. Zum mittelalterlichen Reich zählten nämlich auch weite Teile Italiens. Dort gab es immer wieder Intrigen und Aufstände, die vom Kaiser oft blutig niedergeschlagen wurden. Bis heute gedenkt man in Italien des „sacco di Roma"1527, dem unter anderem die Schweizer Garde des Papstes bis auf den letzten Mann zum Opfer fiel. Die Italiener verlangen seit 900 Jahren die Herausgabe der Gebeine der Heiligen Drei Könige, die nach der Plünderung Mailands durch Kaiser Friedrich Barbarossa seit 1164 die Attraktion des Kölner Doms bilden.

Das „Heilige Römische Reich deutscher Nation" war, wie schon der Name vermuten lässt, mehr Wunschvorstellung als politische Realität. Es zerfiel im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in eine Vielzahl größerer bis winziger, mehr oder weniger unabhängiger Einzelstaaten und agonisierte noch bis zu seiner formellen Auflösung 1806 auf Druck Napoléons.  Das Weltgeschehen hingegen wurde schon seit Langem von anderen Großmächten bestimmt, die ihre kolonialen Imperien aufbauten. An den damit verbundenen historischen Verbrechen, die zur Auslöschung ganzer Völker führten, sowie am Sklavenhandel hatten die Deutschen keinen Anteil.

Es gibt keine bessere Beschreibung der Deutschen im frühen 19. Jahrhundert als die der Französin Germaine de Stael, geboren 1766 als Tochter des französischen Finanzministers Jacques Necker. Madame de Stael begeisterte sich für die Ideen der Aufklärung und diskutierte die gesellschaftliche Stellung der Frau ihrer Zeit.

Mit 33 Jahren lernte Madame de Stael mit großem Eifer die deutsche Sprache und gelangte zu der Erkenntnis: „Als ich begann, Deutsch zu lernen, schien ich in eine neue Welt einzudringen. Nur hier werde ich neue Gedanken und Gefühle finden". Ähnlich wie vor ihr Tacitus schwärmte sie für Deutschland, seine kulturellen und moralischen Werte, verlor dabei aber nicht den Sinn für Objektivität. „Die Deutschen", so schreibt sie, „sind im Allgemeinen aufrichtig und treu. Sie halten fast immer Wort. Täuschung und Betrug sind ihnen fremd. Wenn dieser Fehler nach Deutschland kommt, dann nur in dem Bestreben, es dem Ausland gleich zu tun, sich ebenso geschickt zu zeigen wie sie. Zur Ehre des deutschen Volkes kann man sagen, dass es fast unfähig ist zu dieser dreisten Geschmeidigkeit, die die Wahrheit den Interessen unterordnet und die Pflicht der Berechnung opfert". Und weiter: „Es ist mehr die Phantasie als der Geist, die die Deutschen charakterisiert. Es heißt, dass das Meer den Engländern gehört, die Erde den Franzosen und der Luftraum den Deutschen". Mit anderen Worten, sie hält die Deutschen bei ihren hohen moralischen Ansprüchen für realitätsfern. Das wirke sich, so meint sie, auch in ihrer Politik aus. So beklagt sie die Unbeweglichkeit, das Festhalten an Prinzipien und vor allem die Unterwürfigkeit gegenüber dem Sieger. Wörtlich heißt es: „In der Literatur  wie in der Politik haben die Deutschen viel zu viel Hochschätzung für das Ausland und nicht genügend Selbstbewusstsein".

Napoléon waren emanzipierte Frauen ein Gräuel. 1810 ließ er in Paris die gesamte Auflage von de Staels Werk über Deutschland „De l´Allemagne" konfiszieren und verbrennen. Drei Jahre später erschien das Buch in England und wurde ein Welterfolg. Es prägte nicht nur in Frankreich bis ins 20. Jahrhundert die romantische  Idealvorstellung eines sagenumwobenen Deutschland, des „Landes der Dichter und Denker".

Napoléon interessierte sich nicht nur militärisch für Deutschland. Sein überliefertes Urteil schwankt zwischen Bewunderung geistiger Größen, vor allem Goethes („Voilà un homme!"), und Verachtung bestimmter typisch deutscher Eigenschaften. Am Ende seines Lebens fasste er rückblickend seine Erfahrungen mit dem politischen Instinkt der Deutschen zusammen: „Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nicht zu säen. Ich brauchte nur meine Netze auszuspannen, dann liefen sie wie scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt, und sie meinten, damit ihre Pflicht zu tun. Törichter ist kein anderes Volk auf der Erde. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre Feinde". Ob Napoléon damit ins Schwarze traf und ob wir Deutschen in den letzten 200 Jahren uns geändert oder dazugelernt haben, möge ein Jeder, der sich für Geschichte und Gegenwartspolitik interessiert, selbst beurteilen.

Das Bild des „deutschen Michel", Angehöriger eines im Osten abseits des Weltgeschehens lebenden Volkes harmlos-naiver Trottel, die sich entweder untereinander stritten oder vor sich hin dösten , während die Anderen den Globus unter sich aufteilten, wurde jäh zerrissen durch das Erscheinen eines Mannes auf der Weltbühne, dessen langer Schatten bis in die Gegenwart reicht, Otto von Bismarck. Hier zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass auch Nullen einen Wert haben können, wenn man eine Eins vor sie setzt.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg glich Deutschland zur Freude seiner Nachbarn einem Flickenteppich ohne politische Macht. Damit war Napoléon schnell fertig geworden. Seine Wertschätzung siehe oben. Nach der Niederlage bei Waterloo 1815 und dem Sturz Napoléons erstarkte Frankreich neben Preußen, Österreich und Russland schnell wieder zu einer der führenden Kontinentalmächte. Seine herausragende Führergestalt wurde Kaiser Napoléon III., ein Neffe des „großen" Napoléon. Auf der politischen Bühne sah er sich als einen bedeutenden Strategen mit Ambitionen, die bis nach Amerika reichten.

In der den Franzosen eigenen Selbstgefälligkeit unterschätzte Napoléon III. den preußischen Ministerpräsidenten Bismarck und dessen politisches Ziel. Bismarck verfolgte planmäßig die vom deutschen Volk nach den Befreiungskriegen gegen den „großen" Napoléon herbeigesehnte und weltgeschichtlich längst fällige Vereinigung der vielen deutschen Kleinstaaten zu einem politisch definierten einheitlichen Deutschland. Dies war praktisch nur möglich, wenn Preußen als der weitaus stärkste Staat die Initiative ergriff.  Symbolisch für das Streben nach „Deutschland" steht der Text der späteren Nationalhymne „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!" Es war nicht der oft missverstandene Ruf nach der Weltherrschaft, sondern die Betonung der Vorrangigkeit eines Deutschland als Staat, den es damals noch nicht gab. Doch gerade die Verhinderung eines geeinten Deutschland war und ist, wie wir später noch sehen werden, oberstes Ziel nicht nur der französischen Politik.

Im Jahre 1866 kam es zum „Deutschen Krieg", an dem fast alle deutschen Staaten beteiligt waren. Bismarck nahm ihn in Kauf, um die Vorherrschaft Preußens gegenüber dem Vielvölkerstaat Österreich zu sichern. Als Realist strebte er die „kleindeutsche" Lösung an, das heißt die Einheit Deutschlands ohne das überwiegend aus fremden Völkern bestehende Österreich. „Großdeutsch", von zumeist deutschen Ignoranten als Größenwahn ausgelegt, bedeutet nicht mehr als die 1938 durch Hitler vollzogene Einbeziehung Deutschösterreichs in das Deutsche Reich.

Napoléon III. witterte bei den innerdeutschen Auseinandersetzungen seine Chance, die Deutschen nach dem Erfolgsrezept seines Onkels gegeneinander auszuspielen, dabei zwischen den Streitenden als möglicher „Helfer" oder „Vermittler" zu wirken  und als „Belohnung" die „natürliche" Grenze Frankreichs bis zum Rhein vorzuschieben, was dem „großen" Napoléon ja vorübergehend gelungen war. Dass Bismarck dieses Vorhaben durchschaute und verhinderte, führte zum Ende der bis dahin guten Beziehungen der beiden Länder. Im Übrigen wusste Bismarck genau, dass Frankreich mit allen Mitteln versuchen würde, die Einheit Deutschlands zu hintertreiben. Für ihn war die kriegerische Auseinandersetzung unausweichlich.

Napoléon III. beging einen kapitalen Fehler, als er glaubte, jetzt sei der richtige Zeitpunkt gekommen, seine Ziele gewaltsam zu erreichen. Aus einem nichtigen Anlass erklärte er 1870 Preußen den Krieg. Militärisch verkannte er die Stärke der von Bismarck reorganisierten preußischen Armee. Auch rechnete er nicht mit der Bündnistreue der meisten übrigen deutschen Staaten, die ein Beistandsabkommen mit Preußen geschlossen hatten für den Fall, dass es angegriffen werde. Der Krieg endete mit einer katastrophalen Niederlage der Franzosen und der Gefangennahme ihres Kaisers. Die Vorführung Napoléons III. durch Bismarck auf dem bekannten Gemälde von Camphausen ist schmerzhaft.

Die Demütigung reichte jedoch wesentlich weiter. In der Begeisterung des Sieges erfolgte die Proklamation des Deutschen Reichs, bestehend aus 25 deutschen Einzelstaaten mit dem preußischen König an der Spitze, nunmehr Deutscher Kaiser. Es kam aber für die nationalstolzen Franzosen noch schlimmer. Die Kaiserproklamation erfolgte am 18. Januar 1871 an ihrem nationalen Identifikationsort, dem Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. Und auch damit noch nicht genug. Die Abtretung des weit überwiegend deutschsprachigen  Elsass-Lothringen empfanden sie fortan als den Gipfel einer Schmach, die nach Rache schrie.

Der 18. Januar 1871 wurde  so zum Geburtstag und Versailles so zum Geburtsort des schlimmen Wortes der „Erbfeindschaft" zwischen beiden Ländern auf der einen und des „Boche" auf der anderen Seite. Von da an  breitete sich, so wie der Geist aus der Flasche, das Zerrbild vom „hässlichen Deutschen" in den verschiedensten Erscheinungsformen allmählich über den ganzen Globus aus.

Im französischen Sprachraum wurde der Deutsche zum „Boche". „Boche" ist eine bis heute  im internen Sprachgebrauch benutzte verächtlich-herablassende Bezeichnung für den östlichen Nachbarn, ein Wort, dessen sprachlichen Ursprung kaum ein Franzose kennt. Soll der einzelne Deutsche konkret beleidigt werden, wenn er zum Beispiel einem Straßenbettler nichts gibt, dann wird er zum „sale Boche", dem dreckigen Boche.

Am wahrscheinlichsten ist die Herkunft des Wortes von „caboche", dem breiten Kopf von Nägeln, wie man sie früher z.B. im Schuhmacherhandwerk verwandte. Ein „cabochard" ist ein sturer Dickkopf. Eine qualitativ vergleichbare Abwertung findet man im Deutschen für den Polen, wenn man ihn einen „Polack" nennt, was tatsächlich nur die Übersetzung von „Pole" ins Polnische bedeutet.

Jedenfalls war es vorbei mit den romantischen Vorstellungen der Baronin de Stael. Von nun an erkannte jeder französische Literat seine patriotische Pflichtaufgabe, der Welt die Augen zu öffnen über den wahren Charakter eben dieses Boche. Mit der deutschen Einigung waren für das Ausland die bisher bestehenden Eigenarten der Einzelstaaten hinfällig geworden. Alle trugen sie jetzt die preußische Pickelhaube, Symbol für menschenverachtenden Militarismus.. Die eindrucksvollste Beschreibung finden wir in den Werken von Guy de Maupassant, den ich schon immer für seine Erzählkunst bewundert, ja beneidet habe. Seine auch heute noch gern gelesenen Novellen zählen zum kulturellen Erbe der frankophonen Literatur. Als Schullektüre prägten sie vor allem das Verständnis junger Leser in der ganzen Welt.

Die deutschen Offiziere werden darin dem Leser ohne Ausnahme als blonde oder rotblonde teutonische Brutalos dargestellt. Sie tragen Bärte und enorme Schnäuzer. Trotz ihrer pompösen Aufmachung besitzen sie keinerlei Kultur und gehorchen blind jedwedem Befehl. Gewalttätig, ohne Moral, dafür aber arrogant und sadistisch, bereitet es ihnen eine primitive Freude, alles zu vernichten, was die Kultur anderer Völker hervorgebracht hat.

Ein Ereignis im Jahre 1900 trug, wenn auch erst einige Jahre später, wesentlich zur Festigung des Bildes vom „hässlichen Deutschen" bei. Im Verlauf eines Aufstandes chinesischer Nationalisten gegen mehrere imperialistische europäische Staaten sowie Japan und die USA, die sich im maroden China breit machten, war unter anderem der deutsche Diplomat von Ketteler ermordet worden. Die betroffenen Staaten bildeten ein Expedionskorps unter englischer Führung. Bei der Verabschiedung der deutschen Einheiten hielt Kaiser Wilhelm II. die berühmt-berüchtigte „Hunnenrede". „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wie vor tausend Jahren die Hunnen ... sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." Im Verlaufe dieses Auslandeinsatzes fielen die Deutschen nicht besonders auf außer durch einen kühn geführten Angriff („The Germans to the front!"), der ihnen ein besondere Lob des englischen Oberbefehlshabers einbrachte und der Nachwelt in einem eindruckvollen Gemälde überliefert wurde. Aber nicht nur das Gemälde, sondern auch die Rede.

In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich England im Gegensatz zu Frankreich bei der Deutschenhetze zumindest nach außen hin zurückgehalten. Schließlich war Kaiser Wilhelm II. der Lieblingsenkel seiner englischen Großmutter gewesen, der 1901 verstorbenen Queen Victoria. Beliebt waren die Deutschen aber nicht. In der Presse wurde die öffentliche Meinung systematisch gegen den immer stärker werdenden deutschen Konkurrenten aufgebacht. So schreibt der Kronprinz Wilhelm 1922 in seinen „Erinnerungen": „ ...fand ich immer wieder die von mir schon auf meinen Reisen beobachtete Tatsache bestätigt, dass unser Vaterland in der ganzen Welt wenig beliebt, vielfach geradezu verhasst war. Abgesehen von der uns verbündeten Donaumonarchie und etwa von den Schweden, Spaniern, Türken, Argentiniern mochte uns eigentlich niemand recht leiden." Wilhelm erkennt auch den Grund: „Ebenso klar aber wurde mir auf dieser Reise, wie gewaltig groß die Konkurrenz war, die Deutschland den Briten auf dem Handelsmarkte im fernen Osten machte. So mancher englischer Kaufmann sagte mir im vertraulichen Gespräch, dass es so nicht weitergehen könne; England dürfe und wolle sich von uns nicht an die Wand drücken lassen. Ich selbst habe während der Seefahrt festgestellt, dass uns etwa ebensosoviel deutsche wie englische Handelsdampfer begegneten. Auch der halblaute Fluch "Those damned Germans!" drang zuweilen an mein Ohr. Das waren Sturmzeichen. Als ich später den maßgebenden Herren in der deutschen Heimat von diesen Beobachtungen sprach, wurde die Warnung leicht genommen und abgetan: Dass irgendein englischer Pfeffersack fluchte, wenn wir ihm das Geschäft verdarben, was hatte das zu sagen? Der Mann sollte sein weekend aufgeben und arbeiten wie unsere Leute, dann brauchte er nicht zu fluchen! Im übrigen wollten wir doch wahrhaftig in Frieden mit den Herrschaften leben! ... Also da war nicht viel zu machen. Ich für mein Teil wusste und ließ mich darin nicht beirren: dass der „Pfeffersack" England selbst war - dass niemand dort gewillt war, sein weekend zu opfern - ... Der Wille, mit den anderen in Frieden durchzukommen, hat aber nur dann Bedeutung, wenn man zugleich die Wege kennt und geht, ihn zur Tatsache umzusetzen."

Zwischenfrage an den aufmerksamen Leser: „Sehen Sie Parallelen zur Gegenwart?"

Über die Frage, wer 1914 „schuld war" am Ersten Weltkrieg, wird gegenwärtig zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs viel Tinte vergossen. Lebende Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Ich selbst habe den Eindruck gewonnen, dass die Diskussionen, soweit sie von ernst zu nehmenden und nicht zeitkonformen Historikern geführt werden, rückblickend durchaus zu einem objektiv richtigen Bild führen können. Das betrifft insbesondere den berüchtigten Artikel 231 des Versailler „Friedensvertrags" von 1919. In diesem unter französischer Federführung entstandenen Diktat wurde die deutsche Alleinschuld festgeschrieben. Sie diente den Alliierten als juristische Begründung für zeitlich und in ihrer Höhe unbegrenzte Reparationsforderungen. Die Amerikaner unterschrieben nicht, und der britische Pemierminister Lloyd George erkannte, hier schaffe man die Ursache für den nächsten Krieg.

Jedenfalls lieferte der Erste Weltkrieg den Nährboden für eine volksverhetzende Propaganda, wie sie die Weltgeschichte bis dahin noch nicht erlebt hatte. Während in Frankreich der schon traditionelle „Boche" den „Allemand" ablöste, war es im anglo-amerikanischen Bereich im Gedenken an die berüchtigte Kaiserrede der „Hunne".

In den ersten Kriegsjahren waren es die Franzosen und Engländer, die Gräuelmeldungen jeder Art, mochten sie wahr sein oder nicht, über die ganze Welt verbreiteten. Viele davon waren glatt erlogen. Dazu zählt ein grausiger Bericht, die Deutschen verkochten die Leichen ihrer Gefallenen, um Glyzerin und andere Nebenprodukte für die Produktion von Munition oder von Düngemitteln zu gewinnen. Die Franzosen berichteten von vergewaltigten Nonnen, aufgespießten Säuglingen und erfanden als Symbolfigur das kleine belgische Mädchen, dem die Deutschen wie Hunderten anderer Kinder beide Hände abgehackt hatten, damit Frankreich keine Soldaten mehr haben solle. Es wurde als Postkarte und als Nippesfigur verbreitet. Das neutrale Ausland glaubte die  zum Mittel der psychologischen Kriegsführung erklärten Propagandalügen und veranlasste Hilfssendungen.

Noch vor dem offiziellen Kriegseintritt Amerikas beteiligte sich auch die dortige Publizistik an der Hetze, um das Land zum Kampf gegen die barbarischen Hunnen zu bewegen. Besonders überzeugend wirkte die Versenkung des britischen Passagierdampfers „Lusitania" 1915, an dessen Bord sich auch zahlreiche, darunter prominente, amerikanische Staatsbürger befanden. Heute steht fest, dass das Schiff  Waffen und Munition für England an Bord hatte und als Köder für deutsche U-Boote diente.

Wenn der Besucher von Nizza einen Torbogen durchschreitet, der von der Uferpromenade ins Stadtinnere führt, erfährt er die spontane Dankbarkeit der Franzosen für ihre Rettung vor der drohenden Niederlage: LA VILLE DE NICE -  POUR COMMÉMORER LA DÉCISION PRISE PAR LA RÉPUBLIQUE DES ÉTATS UNIS SUR L´INITIATIVE DU PRÉSIDENT WOODROW WILSON DE PARTICIPER AU CONFLIT MONDIAL DE LA CIVILISATION CONTRE LA BARBARIE LE CONSEIL MUNICIPAL DE NICE LE 30 AVRIL 1917 SOUS LA PRÉSIDENCE DE M. LE GÉNÉRAL CARRON, MAIRE, A DÉCIDÉ D´APPELER À L´AVENIR LE QUAI DU MIDI QUAI DES ÉTATS UNIS. (Stadt Nizza. Zur Erinnerung an den Beschluss der Republik der Vereinigten Staaten auf Veranlassung des Präsidenten Woodrow Wilson, sich an der weltweiten Auseinandersetzung der Zivilisation gegen die Barbarei zu beteiligen, hat der Stadtrat von Nizza am 30. April 1917 unter dem Vorsitz von Bürgermeister General Coiran beschlossen, zukünftig dem „Südkai" den Namen „Kai der Vereinigten Staaten" zu geben.)

Dieser Art von Kriegsführung durch Hetze, Lüge und Fälschung, die nicht nur das gegenwärtige politische Geschehen betraf, sondern pauschal alle Angehörigen des missliebigen Volkes abqualifizierte, hatte die deutsche Seite nichts Entsprechendes entgegen zu setzen. Es bestand nicht einmal die Möglichkeit, wenigstens im neutralen Ausland die unqualifizierten Verleumdungen zurückzuweisen, war doch der Einflussbereich deutscher Gegenpropaganda viel zu gering.

Nach dem Ersten Weltkrieg versetzte man französischerseits dem toten Löwen noch einige Tritte, plünderte Deutschland aus und demütigte es, wo immer sich eine Gelegenheit bot. „Le Boche paiera tout!" lautete die Devise, der Boche wird alles bezahlen. Den Engländern genügte es, Deutschland als militärische und wirtschaftliche Konkurrenz auszuschalten. Die britische Presse zeigte im Jahre 1925 so viel Anstand zuzugeben, dass es sich bei der Verarbeitung von Leichen und den abgehackten Händen um Propagandalügen handelte. Und die Amerikaner erkannten als Pragmatiker sehr bald das nach wie vor bestehende deutsche geistige Potential und die Zuverlässigkeit der Deutschen, mit denen sich gute Geschäfte machen ließen. In der übrigen Welt, vor allem in Afrika und im Vorderen Orient, hatte alles Deutsche sogar an Beliebtheit zugenommen. Nach dem Verlust ihres Kolonialreichs erkannte man die Deutschen nachträglich im Verhältnis zu den Anderen zumindest als das geringere Übel. Die überwiegend positive  Einstellung hat großenteils sogar den Zweiten Weltkrieg überdauert. In Erfüllung unserer „Vertragspflichten gegenüber unseren Freunden und Verbündeten", so die offizielle Begründung für unsere Auslandseinsätze, gehen diese traditionellen Sympathien nun endgültig verloren.

Die Machtübernahme durch die Nazis 1933 spaltete die internationale öffentliche Meinung national wie auch international in zwei Lager von Gegnern und Anhängern Deutschlands. Den Gegnern lieferten die Nazis geradezu Steilvorlagen für eine ablehnende bis feindselige Polemik. Diese richtete sich vordergründig gegen die Personen Hitlers und einiger seiner Paladine sowie die durch das Hakenkreuz symbolisierte Ideologie und erst danach gegen die Deutschen allgemein. Das galt sogar für die maßlose und widerwärtige Judenhetze. Doch während der überwiegende Teil des deutschen Volkes unbeteiligt oder angewidert wegsah, gab es im Ausland nicht nur Ablehnung. So hörte ich nach dem Krieg die Meinung mancher Franzosen: „On n´aimait pas les Allemands, mais ils nous ont débarrassés des juifs" - „Wir mochten die Deutschen nicht, aber sie haben uns die Juden vom Hals geschafft". Infolge der totalen Medienkontrolle erfuhr der normale Volksgenosse nicht die Reaktion jenseits der Grenzen.

So war es jedenfalls bis zum Ausbruch des Krieges. Von da ab wiederholte sich das als psychologische Kriegsführung bezeichnete Propagandageschehen ähnlich wie im Ersten Weltkrieg mit eben denselben Akteuren. Die antideutsche Propaganda öffnete wieder ihre Schleusen, jedoch verzichtete man klugerweise auf plumpe und durchsichtige Lügen wie die abgehackten Kinderhände. Diesmal schossen die bis Ende 1941 formell noch neutralen USA von vornherein auf der Seite der Alliierten volle Breitseiten ab. Filmischer Höhepunkt wurde Chaplins „Der große Diktator", der vorrangig Hitler und seine Umgebung, die Masse des Volkes dagegen nur als eine homogene Masse schreiender Hohlköpfe ins Visier nahm.

Mit der gegenseitigen Kriegspropaganda ließen sich ganze Bibliotheken füllen. Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg konnte Deutschland diesmal mit einer zwar nicht sehr weit reichenden, aber vor allem nach innen wirksamen propagandistischen Waffe kontern, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels. Ähnlich wie auch unsere Feinde richtete er seine Hetze weniger gegen das gegnerische Volk als vielmehr gegen dessen verbrecherische Führungsschicht, die das Volk für ihre perfiden Zwecke missbrauchte. Durch diese Strategie versuchten beide Seiten, einen Spalt zwischen die Menschen und ihre Obrigkeit zu treiben.

Churchill wurde als Zigarre kauender, menschenverachtender sadistischer Alkoholiker dargestellt, der zugunsten des Weltjudentums unter Inkaufnahme des Bolschewismus das eigene britische Imperium verspielte. Die Älteren unter uns  werden sich noch an die Abermillionen Flugblätter erinnern, die tagtäglich auf Deutschland herunterregneten. Anhand echter und gefälschter Bilder und Texte sollte den Deutschen ihre Aussichtslosigkeit und das ihnen bevorstehende Schicksal klar gemacht werden, wenn sie weiter auf ihre Führung vertrauten. Vor mir sehe ich noch die Fotomontage einer Trümmerwüste und in deren Mitte den Kölner Dom. Man habe den Dom verschont, um der Nachwelt die Stelle zu zeigen, wo früher einmal Köln war.

Ganz andere, nämlich rassisch-weltanschauliche Gesichtspunkte, ohne Rücksicht auf humanitäre Gepflogenheiten auch im Kriegsfall, bestimmten schon zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion die Propaganda und die Vorgehensweise auf beiden Seiten. Der Sowjetmensch wurde gleich dem Juden zum „Untermenschen" abqualifiziert, der Krieg war eine Auseinandersetzung mit dem „jüdischen Bolschewismus", die jeden Kompromiss von vornherein ausschloss.

Entsprechend reagierte die Gegenseite mit dem russischen Literaten Ilja Ehrenburg als ihrem bekanntesten Protagonisten. In seinem 1943 in Moskau erschienenen Buch „Wojna" (Krieg) vermittelte er seinen Landsleuten ein Bild vom Deutschen, das sicherlich  mit zu den von der Roten Armee begangenen Gräueln beitrug: „Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort Deutscher für uns der allerschlimmste Fluch. Wenn du nicht im Laufe eines Tages einen Deutscher getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen. Für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Brecht mit Gewalt den Rassenhochmut der deutschen Frauen! Nehmt sie als rechtmäßige Beute! Deutsche sind keine Menschen. Deutsche sind zweibeinige Tiere, widerliche Wesen, Bestien. Sie haben keine Seele ... Es genügt nicht, die Deutschen nach Westen zu treiben. Die Deutschen müssen ins Grab hineingejagt  werden. Gewiss ist ein geschlagener Fritz besser als ein unverschämter. Von allen Fritzen aber sind die toten die besten... usw." (Anmerkung: Die Frage, ob auch der Aufruf zur Vergewaltigung von Ehrenburg stammt oder von jemand Anderem, braucht hier nicht geklärt zu werden.)

In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg kamen immer neue tatsächliche und erfundene Verbrechen zutage, die das Bild des Deutschen in der Geschichte verdunkeln. Vielleicht würde auch ich an der Ungeheuerlichkeit des Geschehens zweifeln, es für nicht möglich halten, hätte ich nicht als Mitglied einer Entschädigungskammer und später als Untersuchungsrichter in NSG - (nationalsozialistische Gewaltverbrechen)-Verfahren Gelegenheit gehabt, selbst an der Aufarbeitung dieses Kapitels unserer Geschichte mitzuwirken. Hinter dem Begriff „Nazi"verbrechen verbirgt sich häufig der Versuch von uns Deutschen, das begangene Unrecht einer Minderheit von Personen, eben den Nazis, anzulasten. Es ist das Bestreben, den sprichwörtlichen Bock aus der Bibel mit allen Sünden zu beladen, um ihn dann in die Wüste zu schicken. Auch in der Flucht nach „Europa" sehe ich den, wie wir sehen, untauglichen Versuch, unter Hinterlassung von tausend Jahren deutscher Identität aus der alten in eine neue Haut zu schlüpfen.

Das in der Menschheitsgeschichte einmalige massenhafte Töten allein befriedigte offenbar nicht die Sensationsgier unserer Zeit. Dies führte zur Wiederbelebung der Seifenlüge aus dem Ersten Weltkrieg, zu Schauergeschichten der Herstellung von Lampenschirmen aus Menschenhaut, von Schrumpfköpfen aus den Leichen polnischer Häftlinge sowie einer Reihe weiterer Gräuelgeschichten aus dem KZ-Alltag. Die meisten Lügen sind zwar inzwischen offiziell dementiert worden, werden aber vor allem von deutschen Politikern und Medien sorgsam weiter gepflegt.

Am Eingang des jüdischen Friedhofs von Nizza erwartet den Besucher nach wie vor eine steinerne Urne mit der Inschrift: „Diese Urne enthält Seife aus Menschenfett, hergestellt von den Deutschen des 3. Reichs aus den Leibern unserer deportierten Brüder". Seit jeher haben manche Lieblingslügen der Geschichte Jahrhunderte und Jahrtausende überdauert.

 

 

Alles Deutsche war nach 1945 zum Abschuss freigegeben. Wir Deutschen selbst reduzierten unsere Geschichte von tausend auf zwölf Jahre, die wir auch heute gebetsmühlenartig kultivieren. Seit nunmehr drei Generationen übernimmt der Deutsche in einer immer noch wachsenden Anzahl phantasievoller Druck- und Filmschöpfungen undifferenziert die Rolle des notorischen Bösewichts. Aber auch internationale Gangster fahren oft einen Mercedes oder BMW. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird die Nazi-Keule geschwungen, sei es, dass die Deutschen sich selbst damit verprügeln, sei es, dass sie von außen erpresst werden. Denken wir an die abstoßenden Vorkommnisse bei der Wiedervereinigung, als in Frankreich Autoreifen zerstochen wurden und in England weilende deutsche Schüler aus Sicherheitsgründen in ihren Unterkünften bleiben mussten. Erinnern wir uns an die Maxime der anglo-französischen Deutschlandpolitik, wie der Literat und Nobelpreisträger Francois Mauriac sie in der seiner Muttersprache eigenen Eleganz treffend formulierte: „J´aime tellement l´Allemagne que je suis ravi qu´il y en ait deux" - „Meine Liebe zu Deutschland ist so groß, dass ich am liebsten zwei davon habe".

Vor all diesen unwillkommenen Realitäten „schützt" uns die veröffentlichte Meinung so gut wie möglich. Sie könnten abträglich sein für unseren unerschütterlichen Glauben an Europa. Wer auch immer versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen, muss ständig die Grenze des dogmatisch Erlaubten im Auge behalten, um nicht als Ketzer verbrannt zu werden. Mit dieser Feststellung soll es für den ersten Teil der Kolumne sein Bewenden haben. Einmal, weil die Ausweitung des Themas zu weit führen würde, aber auch aus der Befürchtung heraus missverstanden zu werden.

Weitere Meldungen aus dieser Rubrik

Ruppert meint…Nr. 13

Ruppert meint...Nr. 13: Meinungsfreiheit Wie ein rotes Band zieht sich quer durch die Geschichte der... [zum Beitrag]

Ruppert meint...Nr. 11

Ruppert meint...Nr. 11  Sarrazeisig„Einszweidrei im Sauseschrittläuft die Zeit, wir laufen mit".Wilhelm... [zum Beitrag]

Ruppert meint Nr.4

Ruppert meint…Nr.4  Der dekorierte Mensch „Der Rang, so wichtig er in den Augen des großen Haufens und... [zum Beitrag]

Ruppert meint…Nr.16 Rechtsbeugung

Ruppert meint…Nr.16 Rechtsbeugung Justiztragödie in drei Akten 3. Akt: Hexenjagd Das Wort... [zum Beitrag]

Ruppert meint Nr.3

Kolumne Februar 2011    Ruppert meint...Nr.3 „Volkseigentum" Vor einiger Zeit nutzte ein jüngerer... [zum Beitrag]

Ruppert meint…Nr.6

Ruppert meint…Nr.6   Das Imkersterben „Erst hat man Bienen, dann haben die Bienen einen“ lautet eine alte... [zum Beitrag]

Ruppert meint...Nr.2

Ruppert meint…Nr.2  Integration Das Wort ist lateinischen Ursprungs und lautet übersetzt... [zum Beitrag]

Ruppert meint…Nr.19: „Mein Kampf"

Ruppert meint...Nr.19 „Mein Kampf"   Überall auf der Welt kennt man den Namen und das Bild von Adolf... [zum Beitrag]

Ruppert meint...Nr.22: Kölle Allah

Ruppert meint...Nr.22: Kölle Allah Vor rund 80 Jahren bin ich in mitten in Köln am Rhein geboren. In der... [zum Beitrag]